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Der Fluss Desna ist einer der größten Flüsse der Ukraine. An seinen Ufern gibt es viele Siedlungen, jedoch wenige Fähren, die sie miteinander verbinden. Fähren gibt es in Desnyjanske, Redytschiv und Mezyn, auch weiter flussab in Sosnyzja und Makoschyne. Darüber hinaus gibt es Pontonfähren in Byryne und Maksaky. Interessanterweise sind diese Fähren meistens aus Holz gebaut, im Gegensatz zu Fähren am Dnister, die aus Metall bestehen (lesen Sie unseren Beitrag über Fähren auf dem Dnister).

Fähren werden nach wie vor täglich genutzt, um schneller in die Städte, zum Markt oder an einen anderen Ort zu gelangen und um den langen Weg über die Brücken zu umgehen. Es gibt zum Beispiel die Fernstraße Luhove–Schostka. Man muss etwa 48 Kilometer fahren, um sie aus Mezyn zu erreichen. Doch es ist viel schneller, mit der Fähre ans andere Flussufer zu fahren und dann eine andere Straße zu nehmen.

Die Fähre in Mezyn

Die Fähre in Mezyn ist schon seit etwa 80 Jahren in Betrieb. Sie besteht aus zwei Bajdaky, die miteinander verbunden sind. Früher nutzte man Bajdaky aus Holz, heute sind sie aus Metall. Die Holzbajdaky wurden verspannt und mit Teer geschmiert, damit sie nicht lecken. Die Flussströmung schiebt eine Seite der Fähre, wodurch diese an das andere Ufer gelangt. Dadurch gibt sich der Fährmann keine große Mühe, um die Fähre zu steuern.

Früher setzte man mit der Fähre in Mezyn vor allem Kühe auf die Weiden über, heute kommen aber Angler und Touristen hierher.

BAJDAKY
Flachboote mit einer Länge von 30 bis 60 Metern.

Serhij

Serhij Dudko arbeitet schon seit 27 Jahren als Fährmann in Sosnyzja. In den 1990er Jahren hat sich hier noch niemand um den recht chaotischen Fährbetrieb gekümmert. Zuweilen ist die Fähre auch ohne Fährmann gefahren. Also wurde beschlossen, ein Team von arbeitswilligen Jungs zusammenzustellen. So erlernte Serhij ein neues Handwerk, da er zuvor als Maurer gearbeitet hatte. Er ist der Einzige, der vom ersten Arbeitsteam geblieben ist. Er sagt, er sei Fährmann geworden, weil er irgendeine Arbeit brauchte. Aber mit der Zeit hat er sich an diesen Beruf gewöhnt und kann sich sein Leben ohne Fähre gar nicht mehr vorstellen. Schon seit zehn Jahren mietet er sie von der Gemeinde — früher war sie Eigentum des Kolchos (der Kollektivwirtschaft — Üb.):

„Das ist öffentliches Eigentum. Als die Kolchose auseinandergefallen waren, beschlossen die Monopole, die Fähre dem Dorfrat zu schenken. Sie haben die Fähre weggegeben, und einen Mähdrescher und einen Traktor und solche Sachen halt. Für den Betrieb der Fähre gab es dann eine öffentliche Ausschreibung: mit Briefen, Umschlägen, Tresoren. Das war schrecklich kompliziert. Aber wir haben den Zuschlag gewonnen.“

Heute arbeitet Serhij nicht allein auf der Fähre, er hat einen Kollegen:

„Wir steht für mehrere Personen. Wir sind also zu zweit: ich und mein Kollege. So sieht es aus.“

Sie lösen einander alle zwei Tage bei der Arbeit ab und arbeiten unabhängig von Feiertagen, Wochenenden und Wetter. Es gibt einen täglichen Arbeitsplan, aber nachts können auch die Rettungsdienste fahren, sodass der Fährmann immer einsatzbereit sein muss:

„Ich hatte einmal eine Schicht: Es war ein angenehmer Tag, es gab ein paar Autos und das war’s. Ich kam nach Hause und plötzlich rief mich abends um 11 ein Krankenwagen an, die mussten ans andere Ufer. Na gut. Dann bin ich um halb zwei heimgekommen und gerade eingeschlafen, da kommt der nächste Notruf. Ich bin also wieder gefahren. Um 4 Uhr morgens habe ich noch einen Krankenwagen übergesetzt und dann ein wenig im Auto geschlafen bis die zweite Schicht begonnen hat.“

Die Fähre verkehrt täglich bis der Fluss Desna zufriert. Dann wird eine spezielle Spur für Autos geschaffen, damit sie den Fluss auf Eis überqueren können. So können sich die Fährleute bis zum Frühling erholen. Aber wenn die Eisschicht nicht dick genug ist, um das Gewicht der Autos zu tragen, werden Eislöcher für die Fähre gemacht. Wenn Schuga entsteht, wird ein Seil über den Fluss gespannt, mit darauf befestigten Holzklötzen, an welchen der Schuga friert. Somit wird nicht nur das Eisloch, sondern auch die Fähre vor dem Schuga geschützt.

SCHUGA
Kleines brüchiges und breiartiges Eis, das vor dem Zufrieren entsteht.

Serhij hat viel um die Ohren. Je nach Tag ändert sich das Fähraufkommen. Am meisten nutzen Leute die Fähre an religiösen Feiertagen. An diesen Tagen kommt er kaum dazu eine Pause zu machen. Und samstags kommen beispielsweise die ersten Passagiere relativ früh, weil sie zum Markt müssen, um dort etwas zu verkaufen. Dann verringert sich der Andrang bis 10 Uhr morgens:

„Samstags arbeiten wir bis 17 Uhr: Um diese Zeit ist alles schon geschlossen. Und sonntagmorgens ist noch jeder im Bett. Unter der Woche sind wir den ganzen Tag hier. Hauptsächlich kommen Bauern zu uns, heute war es gleich ein ganzer Wagen, manchmal sind auch ein Landwirt oder ein Ingenieur dabei. Wenn etwas passiert ist, fahren sie häufig hin und her.“

Selbst wenn es nur eine Person gibt, die den Fluss überqueren möchte, sagt der Fährmann ihr nicht ab. Jeder Passagier ist ihm wichtig:

„Ich bin nicht so global wie die Regierung. Selbst hundert oder zweihundert Menschen machen keinen Unterschied für den Staat, doch hier muss man sogar eine Person befördern. Selbst wenn nur eine Oma kommt, bringe ich sie in fünf oder zehn Minuten rüber… Also ich beeile mich nicht.“

Die Preispolitik ist relativ erschwinglich bei uns. Die Einheimischen haben sozusagen einen Dauerrabatt, und wer die Überfahrt nicht bezahlen kann, darf die Fähre kostenlos nutzen:

„Was Geld betrifft, gibt es zwei Passagierarten, die ich mit der Fähre befördere. Die erste sind die Einwohner der Gemeinde Pekariw. Zu dieser Gemeinde gehören vier Dörfer. Die Einheimischen zahlen die Hälfte. Für Fußgänger und Radfahrer ist es komplett kostenlos, also wenn ein Mensch ein bisschen sparen möchte, dann ist es ja kein Problem.“

Auf der Fähre gibt es immer etwas zu tun — abgesehen von der Schifffahrt — man muss etwas reparieren oder verbessern:

„Ich habe eine elektrische Bohrmaschine in meinem Auto, also mit der würde ich hier ein Brett festmachen, da es locker ist. Normalerweise mache ich so etwas wie das hier. Es gibt immer etwas zu reparieren…“

Serhij hat schon so einiges transportiert: Lastwagen zum Beispiel und Traktoren. Früher wurden auch Kühe auf die Weiden ans andere Ufer übergesetzt: Sie wurden an Bord eingetrieben, dann wurden die Riegel zugeschoben und es ging los.

Alte Fähre

Die Fähre in Sosnyzja sieht noch genauso aus wie 1984. Aber diese Fähre gab es hier schon lange vor der Gründung der Sowjetunion:

„Der Begriff ,Fähre‘ existiert so lange, bis es Leute gibt, die sich noch daran erinnern.“

Früher bestand die Fähre aus kleineren Holzbrettern. Ihre Größe reichte aus, um ein Fuhrwerk aufzunehmen. Über die Entwicklung der Fähren im Laufe der Zeit sagt Serhij Folgendes:

„In den letzten hundert Jahren ersetzten wir Holzbalken durch Metallplanken und hängten anstelle eines Hanfseils eine Katanka. In den nächsten hundert Jahren haben wir sogar vor einen Motor einzubauen.“

KATANKA
Allgemeine Bezeichnung für Rundstahldraht.

Die Fähre rollt durch die Bewegungen des Fährmanns am Seil mit Kalatuschka an. Manchmal geht es auch ohne Kalatuschka, man kann es einfach mit Arbeitshandschuhen schaffen. Serhij verbindet die Kalatuschka mit dem Seil, legt sie hinter seinen Rücken und zieht mit seinem ganzen Körpergewicht. Meistens nutzt er die Kalatuschka, wenn es Verkehrsprobleme gibt oder man sich anstrengen muss z. B. im Winter:

KALATUSCHKA
Ein Holzstock mit spezieller Rille.

„Ich muss die Fähre nicht nur steuern, sondern auch ziehen, führen, festhalten, freilassen… Alles in allem reibt und zieht man mit der Kaltuschka am Seil, das Seil wird eingedreht und es geht los. Und wenn man anlegen möchte, müssen die Pfähle zusammenlaufen.“

Bei schlechtem Wetter ist es einfacher, die Fähre zu steuern. Die Regentropfen befeuchten das Seil wie ein Schmiermittel, deshalb muss man sich weniger anstrengen und die Fähre fährt schneller.

Der Fährmann muss immer aufmerksam sein. Er muss die Fahrer anweisen, wie man richtig auf die Fähre fährt. Wenn sie falsch parken, können ihre Wagen einfach ins Wasser rollen:

„Also, als Fährmann hat man einfach keine Zeit, um auf seinem Smartphone herumzuwischen. Wir arbeiten die ganze Zeit.“

Serhij ist kein gelernter Fährmann, er hat alles in der Praxis erlernt. Am Anfang war er sogar ein wenig schüchtern und traute sich nicht den Fahrern direkt zu sagen, dass sie etwas falsch machen. Jetzt aber weiß er, wie man das besser macht: Wann er nicken oder die Stimme erheben muss, damit der Fahrer langsam los- und weiterfährt:

„Dank der Faustregel weiß ich jetzt, wie man was macht. So wird alles in der Praxis klar.“

Wie wir gedreht haben

Es ist die zweite Folge von Siwerschtschyna, in der wir einige Paläste dieser Region besuchen (Katschaniwka, Galagany). Wir besichtigen auch das Denkmal der Helden von Kruty, unterhalten uns mit Assyrern in Nischyn, hören dem Akkordeonspieler in Krolewez zu. Später werden wir einen ganz ungewöhnlichen Apfelgarten, zufällig eine Schulabschlussfeier und schließlich einige Fähren besuchen, über die wir bald einen Beitrag veröffentlichen werden.

Beitragende

Idee:

Bogdan Logwynenko

Text:

Hanna Ostrowercha

Redaktion:

Tetjana Rodionowa

Produktion:

Olha Schor

Natalka Pantschenko

Foto,

Video,

Ton:

Pawlo Paschko

Foto:

Marija Petrenko

Video:

Oleksandr Portjan

Schnitt:

Julija Rublewska

Regie:

Mykola Nossok

Bildredaktion:

Olexandr Chomenko

Transkript:

Anna Iwanowa

Contentmanagement:

Kateryna Jusefyk

Übersetzung:

Andrii Yevchuk

Redaktion der Übersetzung:

Constanze Aka

Koordination der Übersetzung:

Jana Stowbur