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Der großangelegte Krieg Russlands gegen die Ukraine wurde für Menschen mit Behinderung zu einer Herausforderung, denn er hat ihren Alltag zusätzlich erschwert. Menschen mit Behinderung brauchen besondere Bedingungen zur Gestaltung ihres Alltags und ihrer Bewegung. Deshalb ist es für sie nicht leicht, ihren Wohnort zu verlassen. Um ihren Komfort in nicht inklusiven Räumen zu gewährleisten, geschweige denn während des großangelegten Krieges, brauchen sie Unterstützung. Eine der Aktivistinnen, die sich seit vielen Jahren für Menschen mit Behinderung einsetzt, ist Walentyna Dobrydina. Bereits vor zwanzig Jahren gründete sie eine Nichtregierungsorganisation in der Region Bukowyna, welche sich um Menschen mit Behinderung kümmert.

Walentyna ist Vetreterin des Regierungsbeauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderung der Militärverwaltung der Region Tscherniwzi. Zusätzlich leitet sie die Organisation für Menschen mit Behinderung in der Region Tscherniwzi „Leader“. Vor 26 Jahren erlitt die Frau eine Wirbelsäulenverletzung nach einem Sturz aus dem siebten Stock und seitdem bewegt sie sich im Rollstuhl. Seit diesem Zeitpunkt beschloss sie, Menschen mit Behinderung zu helfen.

„Ich verbrachte eine sehr lange Zeit im Krankenhaus, fast neun Monate. Damals versprach ich, dass falls ich dieses Krankenhaus verlassen werde, werde ich dann Menschen helfen, die in gleicher Situation wie ich sind.“

Zuerst glaubte Walentyna, dass es sich um ein vorübergehendes Problem handele, aber später teilten ihr die Ärzte mit, dass sie nicht mehr laufen könne.

„Ich hatte drei Tage lang geweint und dann beschloss ich, dass ich weiter leben werde und zwar dass ich ein erfülltes Leben führen werde.“

Zuerst fing Walentyna damit an, ihre Rechte auf Wohnung, Gesundheit, Bildung, Familie usw. zu verteidigen. Nachdem sie die Kraft gefunden hatte, ihr Leben zu ändern, begann sie, das Leben von anderen zu verbessern, die vor dem gleichen Problem wie sie standen. So wurde sie Leiterin einer Nichtregierungsorganisation. Die Frau erwähnt, dass viele Menschen oft eine falsche Vorstellung haben, dass sie Menschen mit Behinderung nur mit Geld helfen können. Deshalb kümmert sich die Frau nicht nur um Menschen mit Behinderung, sondern sie verändert auch die Einstellung ihnen gegenüber.

Am Anfang des großangelegten Krieges zog Walentyna zusammen mit ihrem Mann Wladyslaw aus einem kleinen Bukowyner Städtchen Storoschynez nach Tscherniwzi um.

„Als der Krieg begann, war mein Auto leergetankt und ich wusste nicht, ob ich es überhaupt bis zur Tankstelle schaffen würde. Es war sehr beängstigend. Als ich in der Schlange stand, sah ich einen Bekannten von mir und bat ihn um Hilfe. Ich hatte Angst, dass ich auf der Straße stecken bleiben werde. Meine Bekannte halfen mir, das Auto zu tanken, und so gelang es mir, nach Tscherniwzi zu fahren.“

Seit den ersten Tagen der russischen Invasion haben sich viele Menschen aus verschiedenen Regionen, die ihre Heimatorte verlassen haben und auf der Suche nach sicheren Orten waren, an Walentyna gewendet. Für viele von ihnen wurde die Region Bukowyna zu einem Durchgangsort auf dem Weg ins Ausland. Das Ehepaar Dobrydin half ihnen, alles Notwendiges zu finden: Rollstühle, Bette und Unterkünfte. Die Aktivistin betont, dass die Menschen in dieser Zeit nicht von den Problemen anderer abstehen.

„Jetzt gibt es keine gleichgültigen Menschen. Jetzt tuen alle ihr Bestens. Jeder tut etwas, um zu helfen.“

„Wir bereiteten uns auf einen Wettbewerb, schmiedeten Pläne. Alles war durch den Krieg zerstört. Auf meine Stadt fielen Bomben und Raketen. Ich musste das Training abbrechen, weil eines Tages auf dem Weg zum Stadion Bombenangriffe begannen. Ich wurde aus dem Rollstuhl geschleudert, gegen den Zaun gedrückt und hatte sogar Taubheitsgefühl. Bis zuletzt hatte ich die Stadt nicht verlassen, weil ich es mir nicht vorstellen konnte, wie man es verlassen könnte. Außerdem habe ich eine alte Mutter und drei Hunde. Aber der Beschuss wurde so häufig, dass es unmöglich war, das Haus zu verlassen. Mit der Zeit fielen Raketen- und Projektiletrümmer auf das Dach. Es war sehr beängstigend“, liest Walentyna eine der zahlreichen Geschichten von Binnenflüchtlingen mit Behinderung. Das Team ihrer Nichtregierungsorganisation sammelt und dokumentiert solche Geschichten, unter anderem für Spender. Ziel ist es, den Wohltätern die wahre Situation in der Ukraine darzustellen und zu erklären, wie wichtig ihre Hilfe für die Ukrainer ist, die unter dem Krieg gelitten haben.

Auf dem Hof der Familie Dobrydin befindet sich ein Lager mit humanitärer Hilfe. Es gab Tage, an denen die Kistenstapell bis zur Decke reichten. Ein Teil der Hilfe packte das Ehepaar und lieferte selbständig, den Rest wurde von Menschen abgeholt.

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Die Frau sagt, dass Menschen mit Behinderung zu Beginn des großangelegten Krieges Angst hatten und nicht wussten, wer ihnen bei Evakuierung helfen könnte. Falls sich jemand freiwillig zu Hilfe melden würde, wüssten sie wahrscheinlich nicht, wie gut der Ort für sie ausgestattet wäre, wohin sie evakuiert werden könnten.

„Für Menschen mit Behinderung sind sie (Lebensbedingungen — Red.) wie für jeden Menschen sehr wichtig. Jeder Mensch sollte sich würdig fühlen.“

Walentyna zeigt eines der Ergebnisse der Arbeit der Organisation „Leader“. Mit Unterstützung von Partnern installierten sie in dem Storoschynezer Krankenhaus in der Region Bukowyna einen modernen, höhenverstellbaren Gynäkologiestuhl. So können ausnahmslos alle Frauen — mit und ohne Behinderung — untersucht werden.

„Wir träumen davon, dass es in der ganzen Ukraine in jeder medizinischen Einrichtung solche Stühle gibt, die für alle Frauen bequem sind.“

Valentina Dobrydina hilft nicht nur bei der Ausstattung von Krankenhäusern, sondern unterstützt auch andere Menschen mit Behinderung: Sie liefert notwendige Dinge und hilft, Wohnungen für ihre Bedürfnisse komfortabel auszustatten. So besucht sie zum Beispiel regelmäßig einen Einheimischen, der sich vor einigen Jahren an der Wirbelsäule verletzt hat und sich nun ebenfalls im Rollstuhl bewegt.

„Er ist ein junge Mann, der sich weiterentwickeln soll. Wir halfen ihm, alles in seinem Haus einzurichten: eine Badewanne, einen Boiler zum Erhitzen von Wasser usw.“

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Die Frau erklärt, dass sie sich erleichtert und inspiriert fühlt, wenn sie Gutes tut.

„Es motiviert mich zu kämpfen, wenn ich das Ergebnis meiner Arbeit sehe, wenn es eine Verbesserung gibt und wenn es jemandem geholfen hat. Das motiviert mich weiterhin zu arbeiten.“

unterstützt durch

Ukraїner erzählt im Rahmen des Projektes „Wenn nicht wir — wer dann?“ gemeinsam mit den UN-Frauen der Ukraine, dem kanadischen Außenministerium und der Regierung von Dänemark Geschichten über ukrainische Frauen, die während dieses Krieges Führungspositionen innehaben. Das Ziel des Projektes ist es, über Frauen zu erzählen, die daran arbeiten, den Sieg der Ukraine näher zu bringen. Das sind die Geschichten über Frauen, die ihr Land und ihre Zukunft in ihren Bereichen verteidigen. Die bis zuletzt auf ihren Arbeitsplätzen bleiben, um Leben zu retten. Die sich als Freiwillige engagieren und die Armee und gewöhnliche Menschen mit dem Nötigsten versorgen. Ihre Geschichten verdienen es, für die weitere Entwicklung unseres Landes und unserer Gesellschaft erzählt zu werden, und ihre Stimmen verdienen es — gehört zu werden.

Beitragende

Idee:

Bogdan Logwynenko

Text:

Maryna Kulinitsch

Chefredakteurin:

Anja Jablutschna

Redaktion:

Natalija Ponedilok

Produktion,

Interview:

Ksenija Tschykunowa

Foto:

Wasyl Salyha

Video:

Roman Klymtschuk

Schnitt:

Kateryna Zwihun

Regie:

Mykola Nossok

Ton:

Anastasija Klymowa

Bildredaktion,

Foto:

Jurij Stefanjak

Contentmanagement:

Kateryna Jusefyk

Übersetzung:

Halyna Wichmann

Koordination der Übersetzung:

Alla Mandzjuk