Olwija: die größte Siedlung der Antike an der Küste des Schwarzen Meeres

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Seit Jahrhunderten erforschten Archäologen und Historiker aus ganz Europa die Ruinen des alten Stadtstaates Olwija in der Nähe von dem Dorf Parutyne an der Küste des Schwarzen Meeres. Dieses Gelände des ehemaligen antiken Griechenlands wurde aber lange Zeit wegen der Probleme mit der Infrastruktur und den Verkehrsmitteln nicht beachtet. Mit der Krim-Annexion zieht diese aus der Antike erhaltene Sehenswürdigkeit jedes Jahr immer mehr Touristen an.

Der nationale naturhistorische Park „Olwija“ wurde 1926 gegründet. Er besteht aus zwei Teilen: der Stadt Olwija mit seiner Nekropole und der Insel Berezan, die sich der Schwarzmeer-Nehrung gegenüber befindet. Vierzig Kilometer von dem Park entfernt liegt die nächstgrößere Stadt Mykolajiw.

Auf dem Grundstück des Parks gibt es ein Museum mit ungefähr 96000 Fundstücken und ein Lapidarium (Museum des Steines), in dem Architekturdetails, Denksteine, Arbeitsgeräte, Skulpturen, Inschriftentafeln sowie Dekrete zu sehen sind. Der historische Park hat eine eigene wissenschaftliche Stiftung und Bibliothek. Die Ausstellung der Überreste der antiken Architektur im Freien gilt als Hauptteil des Museums. Dazu zählen mehr als zehn Stadtabschnitte, deren Ausgrabungen jahrelang dauern können.

Das Hauptziel des Parks besteht darin, Architekturdenkmale und Artefakte des antiken Olwijas zu bewahren sowie zerstörte Elemente, darunter Ausmauerung, wiederherzustellen und sie zu reparieren.

Die Stadtfestung am Ufer des Bug-Limans wurde offiziell bis zum Ende des 18. Jh. nicht als ein archäologisches Denkmal anerkannt. Erst am Ende des Jahrhunderts bewies der deutsche Ethnograf Peter Simon Pallas zusammen mit dem russischen Schriftsteller Pawel Sumarkow, dass sich dort doch die antike Stadt Olwija befand.

Die erste präzise Karte der Stadt wurde in den 50er Jahren des 19. Jh. zusammengestellt. Zur selben Zeit begann die erste archäologische Expedition, die den Ursprung der Erforschung Olwijas bezeichnete. Regelmäßige Ausgrabungen wurden aber erst seit Anfang des 20. Jh. durchgeführt.

In der sowjetischen Zeit siedelten die ehemaligen Strafgefangenen um den Park herum, um „eigene“ Ausgrabungen zu erledigen und archäologische Fundstücke, Antikkeramik und auch urzeitliche Münzen für einen Spottpreis zu verkaufen.

Die Ausgrabungen wurden offiziell in den 70er Jahren fortgesetzt und dauern bis heute an. Lange Zeit beschäftigten sich mit Ausgrabungen in der alten Stadt nur ukrainische Archäologen. Seit 2016 engagieren sich aber sowohl polnische als auch deutsche Kollegen, die unter Schutz des Instituts für Archäologie genommen sind.

Serhij

Der Leiter des historischen Parks, Serhij Schein, wurde im Dorf Parutyne geboren. Obwohl Serhij eine historische Ausbildung hat, war er zuerst als Ingenieur im Schutzgebiet tätig. Er mag seine Arbeit und nimmt selbst an Expeditionen teil. Seine besten Erinnerungen sind gerade mit diesem Ort verbunden:

 Ich bin Einheimischer. Dort bin ich aufgewachsen und kenne jeden Stein und jeden Weg. Ich habe dort meine Kindheit verbracht, mit meinen Freunden gespielt. Das ist mein Lieblingsort.

Serhij kümmert sich weiterhin um seine heimischen Orte:

Das Dorf, wo ich meine Kindheit verbrachte, ist zum Arbeitsplatz geworden. Es ist einfach hervorragend, an dem Ort zu arbeiten, der mir ans Herz gewachsen ist. Ich bin sehr stolz, dass ich dort arbeite und mein Bestes geben kann, damit Olwija sich weiter entwickeln kann. Olwija gilt als Prägebild des Dorfes und des ganzen Gebiets.

Serhij vergleicht seine Tätigkeit mit dem Abenteuer:

Ich bin sehr glücklich, den Spuren von den alten Griechen und Herodot nachzugehen.

Seit dem Verlust von Chersones, gehört Olwija heutzutage zu einer der größten Sehenswürdigkeiten der Antike in der Ukraine.

Serhij und dorthin kommende Archäologen sind nicht die einzigen Einwohner. Wegen des Jagdverbots können sich auch Füchse, Hasen und Wölfe im Schutzgebiet sicher fühlen.

Die jährliche archäologische Expedition fängt in der Regel Ende Juni oder Anfang Juli an. Die Expeditionsleiter wohnen in speziell errichteten Häuschen. Für Studierende, die meist in Olwija ihr Praktikum ableisten, wird dagegen eine Zeltstadt im südlichen Teil der Siedlung aufgestellt.

Olwijas Geschichte

Serhij Schein ergreift Olwijas Einzigartigkeit wie niemand anderes:

Sowohl vor der Ankunft der Griechen als auch nach deren Abzug gab es keine Niedergelassenen und es macht dieses Gelände einmalig. Es scheint, dass es für antike Kolonien vorgesehen war. Niemand vergriff sich an diesem Ort bis zum 6. Jh. v. Chr. und niemand ließ sich für lange Zeit an diesem Ort nieder bis hin zum 4. Jh.

Der Stadtstaat Olwija wurde im 6. Jh. v. Chr. von Bewohnern der altgriechischen Stadt Milet gegründet. Schon im 5. Jh. v. Chr. erschien Olwijas erstes Staatsdokument – das auf Stein eingeritzte Dekret. Demnach beherrschten große Sklavenhändler die Stadt.

Die Händler tauschten Handwerke für Sklaven aus, die wie Brot, Vieh, Fisch oder Wolle verkauft wurden.

Viele Handwerker wie Töpfer, Mauer- und Holzmeister wohnten in Olwija. Kaufleute verkauften ihre Waren in anderen griechischen Städten und kauften dafür Wein, Öl, Schmuck und Kunstwerke.

 

Durch den Handel unterhielt Olwija die Beziehungen mit solch großen Städten, wie z. B. Athen, Korinth, Alexandria und sogar mit den Städten Kleinasiens (Territorium der heutigen Türkei) und gehörte daneben zum ersten Attischen Seebund. Für besseren Handel wurden mitunter auch eigene kupferne, silberne und goldene Münzen in Form von einem Delphin hergestellt.

Der berühmte griechische Historiker Herodot besuchte Olwija selbst im 5. Jh. v. Chr., was diesen Ort aus historischer Sicht noch attraktiver macht.

Olwija war von Vielen begehrt und wurde mehrmals erobert. Im 3. Jh. v. Chr. versuchte einer der Kriegsherren von Alexander dem Großen, Zopyrion, die Stadt im Sturm zu nehmen. Im Jahr 48 v. Chr. eroberten aber die Geten unter der Leitung von König Burebista die Stadt und zerstörten sie. Nach dem Wiederaufbau schrumpfte die Fläche auf ein Drittel – die Stadt war nun unter Kontrolle von den Skythen.

Im 2. Jh. kamen römische Besatzungstruppen in die Stadt und bauten dort eine Zitadelle auf:

Das Römische Reich war seinerzeit sehr mächtig und sogar die kleine Besatzung, die sich dort befand, konnte die eifrigsten Barbarenstämme abwehren. Lange Zeit war Olwija durch das Römische Reich geschützt, sodass niemand die Stadt zerstören konnte.

Als die Römer im 3. Jh. Olwija wegen Problemen innerhalb des Reiches verlassen mussten, war die Stadt wieder ungeschützt. Bald darauf zerstörten die Geten die von den Römern erbaute Zitadelle und schon am Anfang des 4. Jh. lag Olwija nach zahlreichen Attacken der Hunnen in Trümmern.

Antike Stadt

Nach dem Verfall Olwijas blieb das Territorium der alten Stadt für vierzehn Jahrhunderte unbesiedelt. Olwija wurde vor allem von Einheimischen Stein für Stein abgetragen. Auch die Osmanen, die auf Olwijas Gelände lebten, bauten die meisten Gebäude ab und errichteten unter anderem die Stadtfeste, die heute als Stadt Otschakiw bekannt ist.

Seit Ende des 18. Jh. benutzten Olwijas Bewohner von alten Gebäuden genommene Steine und andere Materialien, um eigene Häuser zu bauen. Wenn man heute alte Häuser renoviert, sind in Wänden sehr häufig Überreste eines Altars oder anderer Architekturdetails zu finden. Fast jedes Gebäude in Olwija enthält antike Artefakte.

Stellen Sie sich eine Stadt vor, deren Wege und Plätze mit Steinplatten gepflastert sind, auf denen Skulpturen von griechischen Helden und Göttern stehen. Und diese Skulpturen scheinen so leibhaftig, als ob all diese berühmten Menschen noch am Leben wären.

Die Struktur der Stadt wurde von dem griechischen Baukünstler Hippodamos entwickelt, der auch die Stadt Alexandria projektierte. Jede Einzelheit sieht hier sehr harmonisch aus.

Im Stadtzentrum lag Agora, der Hauptplatz der Stadt, auf dem sich Bürger, Kaufleute, Dichter, Musiker und Philosophen sammelten. In der Mitte des Platzes stand ein großes Gebäude, in dem neben Handel auch verschiedene Rituale abgehalten wurden. Nicht weit vom Hauptplatz lag ein zentrales Viertel mit Hauptmarkt, Theater, Gymnasium, Gericht und Parlament. Die Menschen, die dort wohnten, waren sehr glücklich, da sie alle wichtigen Orte in der Nähe hatten.

Neben Agora befand sich Temenos – der Bezirk eines Heiligtums, zu dem die Tempel von Zeus und Apollon sowie ein zentraler Altar gehörten. Diese Gebäude waren von großer Wichtigkeit für Olwijas Bewohner und sie kümmerten sich darum, dass sie nicht zerstört wurden.

Damit Barbarenstämme das Heiligtum nicht entweihen konnten, bauten Olwijas Einwohner die Tempel von Zeus und Apollon selbst während einer ihren Attacken ab.

Der Altar war aber mit der Erde verschüttet, sodass er während einer der Ausgrabungen fast unbeschädigt entdeckt wurde. Er ist die wertvollste Sehenswürdigkeit der Stadt.

Die Straßen in Olwija waren direkt und perpendikulär angeordnet und richteten sich meist von Westen nach Osten. Die Stadt wurde in Vierteln mit zehn Höfen aufgeteilt. Alle Gebäude, sowie Plätze und Märkte hatten die gleiche Flächengröße (100×40 Meter). Sie waren meist aus Stein mit Ziegeldächern. Zwischen den Vierteln wurden mit Platten abgedeckte Rohre für Abwasser eingebaut.

Es gab dort auch ein Kanalisationssystem mit Abläufen außerhalb der Stadt. Damals flossen die Abfälle nicht in den Fluss hinein wie heute, wenn Kinder der Kanalisation entlang spazieren gehen. In Olwija wäre es Wahnsinn gewesen.

Das Aussehen des antiken Olwijas wurde von Mauern und Türmen geprägt, die die Stadt umgaben. Protogenes, der reiche einheimische Kaufmann, gab sein Geld für den Bau einer Mauer aus, um die Stadt von Angriffen zu schützen. Dafür wurde er mit einem Marmordekret (eine Platte mit Inschrift) geehrt.

Der größte Teil Olwijas bestand aus Vierteln mit engen Gassen. Da die Stadt mit Schutzmauern umgeben war, konnte man das Territorium nicht weiter ausweiten. Deswegen bauten die Einwohner ihre Häuser in geschützten Gebieten.

Da die Grundfläche begrenzt war, errichtete der heimische Adel zweistöckige Häuschen. Die Häuser von wohlhabendsten Bürgern wurden in der Regel mit Wandmalereien, Mosaiken und Säulen geschmückt. Dort waren auch terrakottafarbene Stangen, Alabastervasen aus Ägypten sowie Schmuckstücke aus Korinth zu sehen. Nach Olwija wurden Skulpturen, Architekturdetails und mit Ornamenten dekorierte Keramik aus Athen geliefert.

Der südliche Teil mit steilen Abhängen und einem Hafen, durch den sich der Handel in diesem Gebiet weiterentwickelte, war für sein aktives Stadtleben bekannt.

Dieser Teil der Stadt und auch die steilen Abhänge waren dicht besiedelt. Mit dem Wasseranstieg des Meeres und Liman erodierte der Boden, deshalb mussten die Einwohner ihre Häuser mit hohen Mauern befestigen. Jedes Haus war wie eine kleine Zitadelle.

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Mit der Zeit war auch dieser Stadtteil zusammen mit dem Hafen unter Wasser. Heute steht etwa 300-400 Meter des ganzen Geländes unter Wasser. Wegen der starken Strömung und dem Schmutz ist es aber unmöglich, Unterwasserausgrabungen durchzuführen.

Um Unterwasserausgrabungen erfolgreich zu organisieren, müsste man einen Damm bauen und das Gebiet entwässern. Davon können wir nur träumen. Es scheint eher eine Utopie zu sein.

Warum ist der südlichste Teil Olwijas so einmalig? Weil das Leben der antiken Stadt hier begann und, den Wissenschaftlern zufolge, gerade hier zum Ende kam. Im 6. Jh. v. Chr. bauten erste nach Olwija ankommende Siedler ihre Erdhütten und schon im 4. Jh. verließen die letzten Bewohner ihre Stadt.

Tourismus

Olwija besuchen jährlich etwa 10000 Touristen. Mitarbeiter des Schutzgebiets hoffen darauf, dass dieser Ort populärer wird und noch mehr Touristen fasziniert. Olwija wurde sowohl von der sowjetischen Regierung, als auch lange Zeit nach der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine nur als ein wissenschaftliches Projekt betrachtet.

Niemand nahm sich damals vor, Olwija als ein attraktives, einzigartiges Touristenobjekt der Ukraine darzustellen. Wir möchten, dass nicht nur Wissenschaftler dieses Gebiet weiter erforschen, sondern auch mehr Menschen nach Olwija kommen. Mit der steigenden Anzahl von Touristen können wir mehr Geld in die weitere Entwicklung des Schutzgebiets investieren.

Trotz der Probleme mit Anfahrtswegen, interessieren sich in den letzten drei bis vier Jahren immer mehr Touristen für Olwija.

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Wenn ein Ort wirklich interessant ist, kann man dorthin auch zu Fuß gehen. Wir möchten, dass man über Olwija dasselbe sagt.

Serhij Schein hofft, dass die Regierung sich endlich für die Promotion des Schutzgebiets einsetzen wird.

Obwohl wir noch viel zu tun haben möchten wir, dass Olwija sich zu einer Lieblingsattraktion für Touristen entwickelt. Kein anderes Gebiet hat einen so bedeutenden Teil der Kultur des antiken Griechenlands. Das ist unsere Geschichte und unsere Zukunft.

Er erinnert sich an Touristen aus Griechenland, die erstaunt waren, einen Teil ihrer Heimat in der Ukraine zu entdecken. Alle waren eben überrascht, wie sie ihre Kultur und Geschichte beachten.

Serhij empfiehlt Olwija im Frühling zu besuchen. Zu dieser Zeit kann man sowohl an Führungen durch das Territorium des historischen Parks teilnehmen, als auch sich mit der Familie in der Natur unterhalten.

Am besten ist es im April oder Mai nach Olwija zu kommen, wenn die Felder mit blühenden Blumen und bunten Kräutern bedeckt sind. Olwija ist reich an verschiedenen Pflanzen. Man kann durch die Steppe spazieren und den Duft der Blumen riechen.

Beitragende

Idee:

Bogdan Logvynenko

Text:

Jaroslaw Karpenko

Redaktion:

Jewhenija Saposchnykowa

Produktion:

Olha Shcor

Photographe:

Vasyl Salyha

Photographe,

Video:

Pavlo Pashko

Video:

Oleh Martschuk

Schnittregisseurin:

Julija Rublewska

Regie:

Mykola Nosok

Bildredaktion:

Oleksandr Khomenko

Transkript:

Anna Lukasewytsch

Übersetzung:

Oleksandr Lupaschko

Folge der Expedition