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Die Ostroger Akademie ist eines der ersten erfolgreichen Beispiele für die Neubelebung der ukrainischen Bildung, da sie sich ausschließlich auf die langjährigen Traditionen des ukrainischen Bildungswesens stützt, anstatt die alten sowjetischen Traditionen beizubehalten. Die Ostroger Akademie bestand seit 1576, verfiel aber nach dem Tod des Fürsten Konstanty Wasyl Ostrogski und seiner Söhne 1636. Als die Ukraine ihre Unabhängigkeit erlangte, begann auch die Erneuerung der Akademie und die Neupositionierung von Ostroh. Die Stadt, die damals für ihre psychiatrische Klinik — ein Zeichen der Sowjetherrschaft — bekannt war. In genau solchen Anstalten wurden in den damaligen Zeiten oppositionelle Akademiker und Intellektuelle (auf ukrainisch Intelligenzija — Red.) inhaftiert.

Die Stadt Ostroh in der Region Wolhynien (auf ukrainisch Wolyn — Red.) war schon seit der fürstlichen Zeit ein herausragendes Wahrzeichen. Die Gebäude hier tragen in sich Erinnerungen an diese Zeit: Monumentale Bauwerke wie das Luzker Tor und das Schloss von Ostrogski wurden in Museen umgewandelt, und die Ruinen des Tataren-Turms ragen über die Häuser hinaus.

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Man sagt, die Stadt solle auf Ukrainisch Ostrih genannt werden.

Erst nach 1994 erlebte die Stadt mit der Ankunft der angehenden Studenten einen neuen Aufschwung. Bis dahin betrug die Stadtbevölkerung weniger als 10.000 Einwohner. Zunächst glaubte, außer Ihor Pasitschnyk, kaum jemand an die Idee, die hiesige Bildungseinrichtung wiederzubeleben. Doch heute ist die Ostroger Akademie ein Aushängeschild der Stadt und für ihr bemerkenswertes Bildungskonzept sowohl in der Ukraine als auch im Ausland bekannt.

Ostroh

Die heutige Akademie in Ostroh kann man als eine der jüngsten Universitäten in der Ukraine ansehen. Gleichzeitig ist die im 16. Jahrhundert gegründete Akademie die erste Universität in Osteuropa. Damals nannte man sie die Ostroger slawisch-griechisch-lateinische Akademie.

Die Voraussetzungen für das kulturelle und bildungspolitische Leben der Stadt wurden während der Regierungszeit von Konstanty Wasyl Ostrogski gesetzt. Der Fürst Ostrogski verlegte seine Residenz von Dubno nach Ostroh, gründete 1576 eine Bildungseinrichtung hier und begann mit dem Bau der Akademie. Im Jahr zuvor gründete der Fürst eine Druckerei, in die er den besten Drucker jener Zeit, Iwan Fedorowitsch, einlud.

In dieser Zeit umgab er sich mit der Gemeinschaft der besten damaligen Wissenschaftler, Theologen, Publizisten und Ikonenmaler, denen er den Zugang zu der damals besten Bibliothek von Wörterbüchern, Grammatiken, griechischer und europäischer Theologie-Literatur, Nachdrucken antiker Werke usw. ermöglichte.

Genau das führte zu einem Präzedenzfall, der bisher nicht bekannt war: Die byzantinische und westeuropäische Kulturen wurden verbunden. Dies wurde durch die Entlehnung eines westeuropäischen Bildungssystems möglich, welches die sieben grundlegenden Wissenschaften beinhaltete: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie sowie dank der ersten Möglichkeit in diesem Land, solche Studienfächer wie Philosophie, Theologie, Medizin und die fünf Sprachen, nämlich Slawisch, Polnisch, Hebräisch, Griechisch und Latein zu studieren.

Konstanty Wasyl Ostrogski gewann als Oberbefehlshaber 86 Schlachten, vorwiegend gegen die Tataren. Jede dieser Schlachten hinderte die Tataren daran, nach Mitteleuropa vorzurücken. Es ist kaum zu überschätzen, welche historische Bedeutung solche Siege für die Erhaltung der westlichen Kultur hatten.

Der Fürst Ostrogski, auch „ungekrönter König von Rus“ genannt, Magnat des Großfürstentum Litauen und Senator von Polen-Litauen, der das Recht hatte, mit rotem Wachs zu siegeln (was nur Könige und Magnaten mit besonderen Verdiensten taten), schuf in Ostroh das, was später als ukrainische Renaissance bezeichnet wird.

Er baute die Reichweite der östlich-orthodoxen Kirchen weiter aus, nutzte aber für die eigene Gelehrsamkeit die Werke von katholischen Theologen, wodurch er die Voraussetzungen für eine qualitative Entwicklung der Gemeinde schuf. Was die Ostroger Schule betrifft, die sich später zur Ostroger Akademie entwickelte, legte Fürst Ostrogski den größten Wert auf das Wachstum dieser ersten Wissenschafts- und Bildungseinrichtung, sodass die Einnahmen aus den umliegenden Dörfern unmittelbar dafür eingesetzt wurden. Einer der ersten bedeutenden Beiträge zur Akademie wurde von der Nichte des Fürsten, Halschka, geleistet. In ihrem Testament hat sie eine große Geldsumme gespendet: „… für das Spital, für die Ostroger Akademie, für das Kloster vom Heiligen Erlöser unweit von Luzk bei dem Fluss Styr und für das Dorf Dorohynja: insgesamt 6.000 in litauischer Währung“.

Dank dieser kräftigen Unterstützung konnte sich Ostroh gut entwickeln. Im Jahr 1578 erschien hier das erste griechisch-kirchenslawische Lesebuch in der Ukraine. Später wurden hier auch ein Alphabet-Lesebuch, das Neue Testament und — zum ersten Mal in gedruckter Form — ein begleitendes Verzeichnis herausgegeben. Überhaupt ist die Gesamtzahl der ukrainischen Erstdrucke, die hier in Ostroh erschienen, beeindruckend. Aber die Ostroger Bibel ist nach wie vor die bedeutendste Leistung jener Zeit. Im Jahr 1581 gedruckt, wurde sie die erste umfassende orthodoxe kanonische Ausgabe aller 76 Bücher des Alten und Neuen Testaments in kirchenslawischer Sprache.

Der Brunnen im Schlafzimmer

Die Räumlichkeiten der Akademie aus der fürstlichen Zeit sind heute nicht mehr erhalten. Dennoch befindet sich die heutige Akademie in einem Gebäude mit einer sehr interessanten Geschichte. Das ehemalige Klostergebäude ist ihr ältester Teil. Es wurde im Barockstil erbaut, allerdings wurde die gesamte barocke Ausschmückung später entfernt, um alles einfach und praktisch zu gestalten. Fürst Janusz Sanguschko schenkte dieses Territorium 1750 den Kapuzinermönchen, und schon 1778 wurde hier eine Kirche geweiht.

Genau damals wurden die Keller und Verliese, die mit den Katakomben von Ostroh verbunden werden konnten, verstärkt. Die Mönche benutzten sie aber als Hauswirtschaftsräume und der Tradition entsprechend als Grabstätte für ihre Brüder — Krypten.

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In dieser Zeit wurde in der Mitte des Zimmers, das den Mönchen als Küche diente, ein Brunnen gebaut, tief genug, um einen ständigen Zugang zu sauberem Wasser zu haben. Die Mönche stellten Medikamente her und verteilten kostenlose Mittagessen. Doch nach dem Novemberaufstand (auch als Polnisch-Russischer Krieg 1830/1831 bekannt — Üb.) wurden sie vom Russischen Kaiserreich gezwungen, die Mauer des Klosters zu verlassen. Es gibt Hinweise darauf, dass sie nur eine Stunde zum Packen hatten, sodass nicht genügend Zeit war, um das Wichtigste mitzunehmen — weder Medikamente noch Bücher.

Im 19. Jahrhundert wurde das Gebäude als Mädchenschule für zukünftige Lehrerinnen und Gouvernanten genutzt. Die Bildungsstätte wurde von Antonina Bludowa gegründet, welche diese nach ihrem Vater, Graf Dmytro Bludow, benannte. Die Schule existierte in diesen Mauern zwischen 1865 und 1922. Als sie eröffnet wurde, war Ostroh dank der Werke über die Ostroger Bibel in aller Munde. Deswegen wurde beschlossen, genau hier ein orthodoxes Frauenkolleg für Mädchen im Alter von 9 bis 16 Jahren einzurichten und so wurde aus der Dreifaltigkeitskirche die Kyrill-und-Method-Kirche.

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Später gab es hier eine polnische Lehrerausbildungsstätte und außerdem kehrten die Kapuzinermönche für eine Weile zurück. Nach dem Krieg gab es hier auch ein Lagerhaus, verschiedene Bildungseinrichtungen und in den 1970er und 1980er Jahren ein Internat für Kinder mit Tuberkulose. Damals war das Zimmer mit dem Brunnen als Schlafzimmer eingerichtet, und über den Brunnen, der längst mit Holz verschlossen wurde, wusste keiner. Das Schlafzimmer galt wegen der ständigen Feuchtigkeit, Kälte und „schrecklichen Geräuschen unter dem Boden“ als verflucht.

Erst in den 1990er Jahren, als das Gebäude an die Akademie übergeben wurde, verlegte man hier einen neuen Boden. Der Baumeister entfernte den alten Holzboden und sah, wie sein Hammer durch den Boden fiel, und erst nach einer gewissen Zeit hörte er ihn am Grunde aufschlagen. So wurde der Brunnen wiederentdeckt und nach einiger Zeit in seinen ursprünglichen Zustand gebracht. Im Zimmer mit Brunnen wurde einer der Ausstellungsräume des Geschichtsmuseums der Ostroger Akademie eingerichtet.

Die neue Akademie

Ihor Pasitschnyk, derzeitiger Rektor der Ostroger Akademie, kann über die Neubelebung der Akademie lange und ausführlich erzählen, da er selbst jede Etappe der Universitätsgründung hier miterlebt hat.

„Als ich ankam, war dies eine Ruine im wahrsten Sinne des Wortes. Es gab hier nichts: keine Tische, keine Stühle, keine Bücher, keine Räume, geschweige denn Akademiker.“

Zu der damaligen Zeit, zu Beginn der 1990er Jahre, war er der einzige Wissenschaftler mit einer Habilitation in der Westukraine, und hatte vor, in eine größere Stadt umzuziehen. Ein Treffen mit dem damaligen Premierminister Mykola Zhulynskyj und dem Rektor der Kyjiw-Mohyla-Akademie, Wjatscheslaw Brjuchowezkyj, änderte jedoch seine Zukunftspläne.

Sie erzählten ihm von Ostroh und der Geschichte der Akademie, von den Fürsten und dem Buchverlag. Damals wusste Ihor Pasitschnyk nichts über diese Geschichte, denn in der sowjetischen Zeit wurden alle Berichte über die Familie Ostrogski und die Ostroger Akademie geheim gehalten. Ostroh war nur als Regionalzentrum mit einer großen psychiatrischen Klinik bekannt.

„Es war die unglaublichste Idee, die sich jemand vorstellen konnte: Die Ostroger Akademie in einer gottverlassenen Stadt wiederzubeleben, in Anbetracht ihres früheren Status als Hauptstadt. Ich war natürlich kurz davor, von hier wegzulaufen. Und die meisten Freunde von mir dachten, hier gibt es so eine psychiatrische Klinik, wissen Sie. Und so sagten sie mir, dass ich wahrscheinlich bald dort landen würde, weil sich für Ostroh und sonst für nichts zu entscheiden, war damals aberwitzig.“

Gleichzeitig verfügte die Ostroger Akademie ein immenses historisches Erbe, das der Universitätsentwicklung bis heute zugute kommt. Wie der Rektor betont:

„Die Geschichte schwebt über uns: Wir können es uns nicht leisten, etwas schlechter zu machen als unsere Vorfahren.“

Dann beschloss Ihor Pasitschnyk, ein Konzept für die Universität zu entwickeln, das mit nichts in der damaligen Ukraine vergleichbar war. Pasitschnyk wandte sich an Journalisten, gab Interviews über den vergangenen Ruhm von Ostroh und über die Universität, an welche sich bald Studenten aus der ganzen Ukraine und sogar aus Kyjiw (der Hauptstadt der Ukraine — Üb.), bewerben würden.

„Danach verließ ich das Fernsehstudio und dachte, was habe ich denn da erzählt? Aus Kyjiw, ernsthaft? Obwohl hier nichts möglich ist… Aber schon im vergangenen Jahr hatten wir 15 Abiturienten mit einer Goldmedaille (Schüler, die für ihre hervorragende Leistungen in der Schule mit einer Goldmedaille ausgezeichnet werden — Üb.) aus den führenden Kyjiwer Gymnasien und Lyzeen. Das heißt, alles, worüber ich damals sprach, ist in Erfüllung gegangen.“

Es wurde dank einiger Mäzenen und Menschen möglich, deren Namen heute auf einem speziellen Schild neben dem Eingang zur wissenschaftlichen Bibliothek geprägt sind. Viele von ihnen sind Unternehmer und Menschen aus der Diaspora, die große Summen spendeten, weil sie glaubten, dass man die Bildung in der Ukraine auf eine neue Stufe stellen kann.

Zunächst gab es hier nicht einmal die Erwähnung von Büchern, aber heute gibt es eine Bibliothek mit einer halben Million Bücher, eine der besten elektronischen Bibliotheken und eine Sammlung unschätzbar wertvollen Altdrucken.

„Für ein Buch im Altdruck hätte damals ein reicher Mann eine Zweizimmerwohnung auf der Chreschtschatyk (der Hauptstraße von Kyjiw — Üb.) bezahlt. Sie wissen ja, wie viel eine Wohnung auf Chreschtschatyk kostet. Und dieses Buch ist eine weltweit einmalige Handschrift, eine Apostelgeschichte. Eine arme Person brachte es und schenkte der Ostroger Akademie.“

1993 fanden auf Ministerebene die ersten Diskussionen über Wege zur Neubelebung der Ostroger Akademie statt. Die Idee erhielt damals erhebliche Unterstützung: vom Rektor der Kyjiw-Mohyla-Akademie über Leitern der Regionalräte bis hin zu verschiedenen Beamten und Beratern des Präsidenten. Infolgedessen nahmen im Dezember 1994 die ersten 100 Studenten ihr Studium an der Universität auf. Und schon nach zwei Jahren unterzeichnete Leonid Kutschma (der damalige Präsident der Ukraine — Üb.) ein Dekret zur Umbenennung des Ostroger Kollegiums in die Ostroger Akademie. Im Jahr 2000 erhielt die Akademie den Status einer nationalen Universität.

Die Fachbereiche der Universität wachsen weiter, es entstehen ständig neue Fakultäten und Studiengänge; die Universität entwickelt sich und die Zahl der Studenten, die heute knapp 5.000 Studenten beträgt, nimmt weiter zu.

Von großer Bedeutung sind für die Universität der Austausch und die Partnerschaften zu führenden europäischen Universitäten.

Heute nun betrachtet Ihor Pasitschnyk die Neubelebungsphase als eine Herausforderung, die sich auf alle Fälle gelohnt hat, obwohl er bei null anfangen musste.

„Wir hatten die Leiter eines Architekturinstituts aus Lwiw zu Besuch. Sie haben uns ihr Fazit mitgeteilt: Es ist besser, einen Bulldozer zu nehmen und dieses Gebäude dem Erdboden gleichzumachen. Ihrer Meinung nach gab es hier nichts, was sich restaurieren ließe, weder in der Theorie noch in der Praxis. Keinem fiel es auf, was man hier machen konnte. Es gab hier nicht einmal ein Dach. Es gab 140 Risse in unserer Kirche, es gab hier Schimmel ungefähr 10 cm dick, und keiner konnte sich vorstellen, dass man daraus noch etwas machen konnte.“

Er hatte geglaubt, dass man in einer kleinen Stadt eine Universität gründen konnte, die nicht nur in der Ukraine, sondern auch im Ausland auf der Liste der besten Universitäten stünde.

„Und plötzlich wird hier die Ostroger Akademie, wie ein Phönix aus der Asche, wiederbelebt.“

Die Ostroger Akademie unterscheidet sich deutlich von anderen Universitäten, und der Rektor hat Träume, die weit über die Grenzen dieser Mauern hinausgehen.

„Jetzt interessiere ich mich für die Bildung der ukrainischen Intellektuellen, für die jungen Menschen, die nicht ins Ausland fliehen möchten, und wenn sie schon ins Ausland gehen, dass sie zumindest in einem Bereich arbeiten, der ihren Abschlüssen entspricht.“

Die Absolventen der Akademie sind schon seit einem Jahrzehnt in leitenden Positionen sowohl in der Ukraine als auch im Ausland tätig.

„Der leitende Wirtschaftsprüfer von Luxemburg ist Absolvent der Ostroger Akademie. Nach Angaben von Forbes gehört Oleksandr Talawera — auch unser Absolvent — zu den fünf bekanntesten und angesehensten Wirtschaftswissenschaftlern der Welt. Er ist in London tätig, doch er arbeitet für die Ukraine.“

Jedoch erklärt Ihor Pasitschnyk, dass er nicht danach strebt, ausländische Studierenden heranzuziehen:

„Ich träume davon, dass mindestens 70% unserer Absolventen nirgends auswandern, dass sie in der Ukraine arbeiten und das Land aufbauen, in dem sie selbst leben wollen.“

Die Dozenten der Akademie wollen nicht nur ihre Kenntnisse vermitteln, sondern auch zur Bildung der ukrainischen Intellektuellen beitragen. Denn sie sind überzeugt, dass die Ukraine jetzt am meisten Führungspersönlichkeiten braucht, die die Gesellschaft zusammenführen könnten. Es ist wichtig, mit dem moralischen Teil zu beginnen, weil ein Student von heute, der nie ein Bestechungsgeld gegeben hat, nimmt auch morgen keines an. So wird er ein soziales Umfeld von gewissenhaften Menschen bilden.

„Im 16. Jahrhundert hat die Ostroger Akademie zu ihrem Anfang genau dieses Ziel schon einmal erreicht. Ich denke, dass auch unsere Akademie dieses für die Ukraine wichtige Ziel erfüllen wird, da wir uns in einer ähnlichen Situation befinden.“

Für Ihor Pasitschnyk geht es heute nicht nur um die Gestaltung des Bildungsprozesses, sondern auch um die Persönlichkeit der Studierenden. Er betont, dass viele Menschen aufgrund von Stereotypen zum Studium in die Hauptstadt kommen. Man glaube, dass Kyjiw bessere Berufschancen anbiete.

„Wenn man in Kyjiw studiert, heißt es nicht, dass man unbedingt bessere Kenntnisse bekommt.“

Offene Gesellschaft. Offene Bildung

Die nationale Universität „Ostroger Akademie“ ist die einzige Bildungseinrichtung in der Ukraine, die ihre Existenzfähigkeit in einer Kleinstadt nachgewiesen hat. Sie wurde nach dem amerikanischen Ansatz gegründet, nach welchem es in kleineren Städten mehr Raum für wissenschaftliche und kreative Tätigkeit gibt, den die Studenten und Professoren so brauchen. Was den Rektor betrifft, so betrachtet er das nur positiv. Seiner Meinung nach sind solche Städte wie Kyjiw übersättigt, aber in die Regionalzentren könnten die Bildungseinrichtungen ein neues Leben und eine neue Sichtweise auf einem historischen Hintergrund hervorbringen.

„Durch das Beispiel von Ostroh kann man dies schon nachweisen. Die Stadt war absolut heruntergekommen. Hier gab es nichts. Aber was für einen starken Aufschwung hat doch die Universität gebracht!“

An der Universität ist man davon überzeugt, dass eine offene Gesellschaft mit offenen Hörsälen beginnt. Deswegen haben die Türen zu den Hörsälen moderne Glaseinsätze, damit jeder weiß, was in jedem Moment bei einer Veranstaltung stattfindet.

Einige Hörsäle sind nicht nur thematisch, sondern auch nach einem gewissen künstlerischen Sinn gestaltet: In einigen sind Gemälde bildender Kunst zu sehen, in anderen sind besondere, alte Wyschywankas (bestickte Hemden — Üb.) ausgestellt. Einige Veranstaltungen werden mit Live-Begleitung am Flügel gehalten, denn bei der Einführung in die Musikwissenschaft — der Pflichtveranstaltung über ein Trimester — kann man so die Grundlagen der klassischen Musik kennenlernen. Der Rektor hebt hervor:

„Die Menschen haben keine Möglichkeit, diese kennenzulernen — weder in der Schule noch im Kindergarten, noch an der Universität, verstehen Sie? Sie wissen nicht, was die Klassik ist. Aber auf der Klassik soll man tatsächlich alle moralischen und weltanschaulichen Werte gründen.“

Die Studenten nehmen seine Worte oft zuerst mit einem gewissen Zweifel auf, denn seine Tochter ist eine Opernsängerin und Pianistin, daher ist seine Begeisterung natürlich klar. Gleichzeitig empfehlen Studenten selbst, die „Woche von Jurij Plyska“ nicht zu verpassen, bei der man täglich die Zeit nicht nur mit Lernen verbringt, sondern die Musik genießt und über die geistreichen Witze des Professors der Warschauer Universität lacht.

Das Beispiel mit den Künstlern und Komponisten zeigt, dass die Universität einen großen Wert auf die persönliche Entwicklung ihrer Studenten legt und dabei im Rahmen des Bildungsprogramms bleibt. Sehr ernst wird die Frage der Bestechung behandelt. Die Mitarbeiter der Akademie sind der festen Überzeugung, dass wenn ein Student gelernt hat, keine Bestechungsgelder zu geben bzw. anzunehmen, dass er dann an seinem künftigen Arbeitsplatz Gleichgesinnte um sich versammeln wird.

Wie es gelingen konnte, so eine Atmosphäre an der Akademie zu schaffen, dazu sagt Ihor Pasitschnyk Folgendes:

„Es ist ziemlich einfach: Selbst keine Bestechungsgelder anzunehmen. Wissen Sie, eine einfache Methode zur Korruptionsbekämpfung besteht darin, dass der Leiter selbst solche Möglichkeit ablehnt. Dann wird er versuchen, dass keiner seiner Mitarbeiter Bestechungsgelder annimmt. Da bin ich mir absolut sicher.“

Er ist der festen Überzeugung, dass die Akademie angehende Führungskräfte und Intellektuelle ausbildet, die in der Lage kommen sollen, die Ukraine von der regionalen Ebene her aufzubauen. Aber die Ukraine, von der wir alle träumen, kann nur ohne Bestechungen aufgebaut werden.

Dennoch sind Alltag und Feiertage im Leben eines Studenten der Ostroger Akademie von den Kanones und den Traditionen geprägt. Der akademische Chor tritt bei allen Eröffnungen und Feierlichkeiten mit Gaudeamus (Name eines alten Studentenliedes — Üb.) auf. Vor den Vorlesungen kann man einem Gottesdienst beiwohnen, der im gesamten zentralen Innenhof der Universität erschallt. Anstelle der üblichen „Miss Universität“ wird jedes Jahr hier die „Halschka“ zu Ehren einer der ersten Universitätsmäzenin gewählt. Möglicherweise hat genau eine solche Herangehensweise dazu beigetragen, dass die Universität achtmal in das ukrainische Buch der Rekorde aufgenommen und sogar in das Guinness-Buch der Rekorde für den längsten poetischen Marathon verewigt wurde. Letzteres wurde im März 2014 durch den 456-stündigen Lesemarathon von Taras Schewtschenkos „Kobsar“ möglich.

Selbst Ihor Pasitschnyk betont, dass all das lediglich dank des Teams möglich wurde. In den 1990er Jahren stellte er junge Menschen ein, die keine Angst davor hatten, darauf hinzuarbeiten, die Universität auf Weltniveau zu bringen. Er erzählt, dass die Auswahlkriterien sehr streng waren: obligatorische Englischkenntnisse, die Bereitschaft, ein Auslandspraktikum zu absolvieren, ein gewisses Maß an der körperlichen Leistungsfähigkeit, Unterrichtsmethodik, profunde Kenntnisse und — ein Grund für den Spott der damaligen Rektoren anderer Universitäten — ein junges Alter.

„Sie scherzten, dass ich Kinder einstellte und sagten, was für eine Universität ist das und wie lächerlich ist sie? Heute aber sind sie alle neidisch, weil diese jungen Menschen ihre Dissertationen verteidigten und danach habilitierten. Das Wichtigste ist, dass sie fortgeschrittene Mitglieder der globalisierten Welt sind, kennen sich ausgezeichnet mit den neuen Bildungstechnologien aus und jeder von ihnen unterrichtet seinen eigenen Kurs.“

Heutzutage wird ein solches Team von anderen Universitäten beneidet, da viele ukrainische Wissenschaftler schon das Rentenalter erreicht haben. Doch das Durchschnittsalter der Dekane und Prorektoren in Ostroh ist deutlich niedriger.

„Sie alle sind jung. Mein eigenes Alter entstellt die Statistik, aber das Durchschnittsalter liegt bei 34 Jahren — dem Alter von Jesus Christus — dem Alter zum Erschaffen!“

Als 1994 die ersten Mitarbeiter an der Universität eingestellt wurden, leuchteten ihre Augen bei der bloßen Erwähnung des Wortes „Unabhängigkeit“: Jeder wollte dem Land dienen und nicht abhauen. Diese Atmosphäre hat sich damals eingeprägt und wird noch bis heute im Kollegium weitergegeben.

„Traditionen sind unsere Grundlage. Wir sind ein Team, das im Einklang zusammenarbeitet. Sie tun mir so leid, weil sie so geringe Gehälter erhalten. Und dennoch arbeiten sie so hingebungsvoll, dass ich sehr stolz auf sie bin.“

Genau dieses gut eingespielte Team hat das geschaffen, was der Rektor als Wunder der Neubelebung von der Ostroger Akademie bezeichnet, nämlich die Bewahrung und Förderung des nationalen Bildungserbes. Für diese Bemühungen wurde Ihor Pasitschnyk 2009 den Titel Held der Ukraine verliehen.

„Ich bin kein Held der Ukraine, und ich habe die Ostroger Akademie nicht wieder zum Leben erweckt. Das taten meine Kollegen. Sie sind einzigartige Menschen. Und ich denke, unsere Studenten sind nicht weniger einzigartig. Ich weiß, dass 10% von ihnen nach der Universität wie alle anderen leben werden, aber die anderen 90% werden höhere Ansprüche stellen und sie zielbewusst erfüllen.“

Beitragende

Idee:

Bogdan Logwynenko

Text:

Sofija Anzscheljuk

Redaktion:

Jewhenija Saposchnykowa

Produktion:

Olha Schor

Foto:

Oleksandr Majorow

Foto,

Video:

Pawlo Paschko

Video:

Oleg Solohub

Schnitt:

Marija Terebus

Regie:

Mykola Nossok

Skript:

Karyna Piljugina

Bildredaktion:

Olexandr Chomenko

Transkript:

Maryna Rjabykina

Experte:

Andrij Bryschuk

Contentmanagement:

Kateryna Jusefyk

Übersetzung:

Andrii Yevchuk

Redaktion der Übersetzung:

Klaus Wichmann

Redaktion der Übersetzung:

Halyna Wichmann