Wie lange noch wird die Russisch-Orthodoxe Kirche in der Ukraine existieren?

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Russland nutzt Religion als ein mächtiges Instrument der Propaganda. Die Russisch-Orthodoxe Kirche steht unter dem vollen Schutz des Aggressorstaates. Sie wurde zu einer Institution für die Ausbildung patriotischer Zivilisten und des Militärs. So verwurzelt die Russische Föderation in das Bewusstsein der Russen die Ideen von „dem großen Land“ und „dem heiligen Krieg“.

Am 29. März wurde in der Werchowna Rada ein Gesetzentwurf für das Verbot der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) in der Ukraine eingebracht. Falls dieser verabschiedet werden sollte, dann wird das gesamte Kircheneigentum verstaatlicht. Die Organisationen des Moskauer Patriarchats können ihre Unterordnung innerhalb von 14 Tagen ab Inkrafttreten des Gesetzes ändern.

Die Russische Kirche und Armee

Die Säkularität Russlands ist ein Mythos der „russischen Welt“. Die Zusammenarbeit der Kirche und der Streitkräfte der Russischen Föderation begann schon in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts und wurde offiziell besiegelt (Beispiel 1, Beispiel 2, Beispiel 3).

SÄKULARITÄT
Laizismus, Nichtreligiosität. Die Hauptmerkmale der säkularen Gesellschaft sind: die Befreiung der unterschiedlichen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens von der Kontrolle religiöser Organisationen; sowie die Trennung zwischen Kirche und staatlichen bzw. gesellschaftlichen Institutionen.

Im Verlauf der Zeit wurde die Religiosität der russischen Streitkräfte zu einem Synonym des Patriotismus. In öffentlichen Predigten fordern die russischen Priester auf, Militärdienst zu leisten, um „die heiligen Staatsgrenzen“ zu schützen. Diese Rhetorik ist ein pro-Kreml-Klassiker, der für diesen Bereich zugeschnitten ist. „Die Seelenverwandtschaft des ukrainischen und russischen Volkes“, „die gemeinsame Geschichte“, „die Notwendigkeit der territorialen Wiedervereinigung der Ukraine mit der Russischen Föderation als Herstellung der historischen Gerechtigkeit“ — das sind die Thesen und Appelle, welche die Priester der Russisch-Orthodoxe Kirche predigen.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche agiert unter vollem staatlichem Protektorat. Der Bau von Kirchen auf dem Territorium der Militäreinheiten und Durchführung der regelmäßigen gemeinsamen Gottesdienste für Streitkräfte ist etwas, das die russische Kirche ständig macht. Und alle verschließen die Augen vor der Tatsache, dass solche Handlungen eine direkte Verletzung der Gesetzte der Russischen Föderation „Über die
Gewissensfreiheit und religiöse Vereinigungen“ und „Über den Status des Militärs“ sind.

Die Diener der Russisch-Orthodoxe Kirche weihen sogar Waffen (ggf. Atomwaffen), militärische Objekte und Kampfanlagen sowie beeinflussen die Besetzung von Truppen und Personalauswahl. An einigen Universitäten, welche die Streitkräfte ausbilden, gibt es Fakultäten für orthodoxe Kultur. Und seit 1994 bemüht sich die Russisch-Orthodoxe Kirche um die Schaffung eines Militärklerus.

Deshalb ist die Russisch-Orthodoxe Kirche ein von Russland legalisiertes Institut für die Ausbildung der patriotischen Gesellschaft, welches systematisch die Botschaften über „die Brüdervölker“ und die Notwendigkeit der Wiedervereinigung aller Russen in der ganzen Welt vermittelt. Ihr religiöses Monopol unterdrückt die restlichen Konfessionen und fördert Intoleranz ihnen gegenüber.

Das Moskauer Patriarchat des Krieges

Der Patriarch Kyrill I. ist der Vorsteher der Russisch-Orthodoxe Kirche, der Patriarch von Moskau und ganz Russland. Es ist wichtig zu betonen, dass er in Russland der Patriarch „der ganzen Rus“ (und nicht „Russlands“) ernannt wird.

Das Haupt der Russisch-Orthodoxen Kirche sieht Russland an diesem großangelegten Krieg nicht als schuldig an. Im Brief an Ioan Sauca, Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), nennt er den Krieg als „dramatische Ereignisse in der Ukraine“ und beschuldigt die NATO-Staaten für alles. Nach den Worten von Patriarch Kyrill wurde die Ukraine einfach von den Ländern benutzt, die ihre Waffen und Militärausbilder zuvor ins Land gepumpt haben. Patriarch Kyrill versucht zu überzeugen, dass die Ukrainer zu Feinden Russlands umerzogen wurden. In seinen öffentlichen Reden unterstützt er die pro-Kreml-Thesen über die Menschen in der LNR und DNR, die unter „‚Banderiten‘ und Nazis leiden“.

Nachdem sich einige Eparchien der Ukrainische-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats weigerten in ihren Gebeten Patriarch Kyrill zu erwähnen, sagte er, dass ihre Entscheidung ein Zeichen der Schwäche ist, worüber er sich jedoch nicht beleidigt fühlt.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass es auf der Webseite der Russisch-Orthodoxe Kirche eine Sonderspalte „Kirche und Armee“ mit einer Reihe von Videos mit dem Patriarch Kyrill gibt. Sogar nach der schnellen Analyse kann man zusammenfassen, dass die Kirche und das Militär der Russischen Föderation sehr synchronisiert sind, verbreiten die gleichen chauvinistischen Thesen und nivellieren das Rule of Law in ihrem eigenen Land.

Der Tempel der russischen Streitkräfte

Die Hauptkirche der Streitkräfte Russlands ist ein Gebäude, das mit den gewöhnlichen Vorstellungen über die religiösen Bauwerke bricht. Das ist ein Ausstellungs- und Kirchenkomplex auf dem Territorium des militär-patriotischen Parks für Kultur und Erholung der Streitkräfte der Russischen Föderation. Sie wurde in eineinhalb Jahren zum 75. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischem Krieg errichtet, und der bloße Anblick der Kirche stellt ein Beweis für Russlands imperialistische und territoriale Ambitionen dar. Alle Baubesonderheiten der Kirche, ihre Außen- und Innendekorationen verweisen auf Fakten zum Großen Vaterländischen Krieg. Einige Details beinhalten buchstäblich militärische Trophäen dieses Krieges, zum Beispiel in Treppen und Gusseisenplatten, welche für die Verlegung des Bodens benutzt wurden, sind von den geschmolzenen Teilen deutscher Panzer gemacht.

Der Initiator des Baus der Kirche ist Sergei Schoigu, Verteidigungsminister Russlands seit 2012. Das religiös-militärische Projekt wurde durch Gelder der russischen Regierung und Spenden der Russen verwirklicht.

Engel, Heilige, Panzer, Flugzeuge, Kanonen und Soldaten — all diese Bilder befinden sich neben den Mosaiken der Kirche. Auf Glasmalerei sind Bilder der höchsten staatlichen und militärischen Auszeichnungen der Russischen Föderation abgebildet. Die Symbole der UdSSR sind ebenfalls vorhanden — Russland ist immer noch nostalgisch für diese Zeiten. Nach den Worten von Timur Iwanow, den stellvertretenden Verteidigungsminister der Russischen Föderation, wird sogar Hitlers Uniform auf dem Territorium des Museumskomplexes erhalten.

Die Kirche der Streitkräfte der Russischen Föderation sollte mit Mosaiken von Putins, Stalins und Schoigus Abbildungen sowie mit Geschichten über die Besetzung der Krim geschmückt werden.

Patriarch Kyrill hat diese Kirche eingeweiht.

Russlands Netzwerk der kirchlichen Agenten in der Ukraine

Seit Jahren baute die russische Kirche ihr Netzwerk der kirchlichen Agenten in der Ukraine aus. Ein Teil der Russisch-Orthodoxen Kirche in der Ukraine wird als Ukrainische Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats (UOK-MP) oder Russisch-Orthodoxe Kirche in der Ukraine (ROK in der Ukraine) genannt. In Medien wird am häufigsten der Name UOK-MP benutzt, um sie von den anderen Kirchen, insbesondere die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kyjiwer Patriarchats (UOK-KP) zu unterscheiden. Ihre Oberhäupter bestehen dennoch auf den Namen „Ukrainische Orthodoxe Kirche“ (UOK).

2019 erlaubte das Oberste Gericht der Ukraine der UOK-MP ihren Namen zu behalten.

Die UOK-MP hat immer noch einen erheblichen Einfluss, denn die Zahl ihrer Pfarreien lange Zeit die der von UOK-KP und anderer Kirchen bei weitem überstieg. Jedoch unterscheiden sich diese beiden Kirchen mental grundlegend. Wenn die Erste über „das gemeinsame Taufbecken“ der Russen und Ukrainer als ein Volk und die Notwendigkeit ihrer endgültigen Wiedervereinigung predigt, unterstützt die Andere die Souveränität der Ukraine. Einfach gesagt, agiert die ROK als politisierte Institution mit antieuropäischer Entwicklungsrichtung, die die UOK-MP beeinflusst. Deshalb stellt sich die russische Kirche der Autonomie der ukrainischen Kirche entgegen. Ein Fakt, der dies unterstreicht: 2018, nachdem die Orthodoxe Kirche der Ukraine den Tomos von Bartholomaios I. bekommen hatte, brach die ROK die eucharistische Gemeinschaft mit dem Ökumenischem Patriarch von Konstantinopel ab. Das war die radikalste Geste, die man in dieser Situation erwarten konnte.

Der TOMOS
Der Tomos ist ein Dekret der Synode und (oder) des Oberhaupts der autokephalen Kirche über die Autokephalie. Die Erlassung des Tomos bedeutet in der Regel die Gewährung der Autokephalie (Eigenständigkeit) der neuen autokephalen Kirche, das heißt die Unabhängigkeit von den anderen orthodoxen Kirchen, bei gleichzeitiger kanonischer Einheit mit diesen.

Die ROK nutzt die latente „soft power“, indem sie die UOK-MP beeinflusst. Dieser Kraft zu widerstehen, ist am schwierigsten, denn die Gläubigen haben in der Regel ein unerschütterliches Vertrauen in den Klerus, der nach ihren Verständnis die besten Charaktereigenschaften verkörpert.

Der Klerus der UOK-MP ist offenbar eine bestimmte Art der Verkörperung des militärischen Verhaltens der Russischen Föderation und ihrer Kirche. Schon am Anfang des bewaffneten Konflikts im Donbass postulierte die ROK ihre „Friedensmission“, aber tatsächlich unterstützten eine Reihe ihrer Vertreter den Krieg ideologisch (in ihren Predigten in den Gottesdiensten) und finanziell. In der Ukraine haben die Priester der UOK-MP auch eine lange „Verdienst“-Liste von Dingen, die alles andere als heilige Verdienste sind.

Zum Beispiel gab Oleksandr Kanewskyj die Zeitung „Elternausschuss“ heraus, in der er die antiukrainische Propagandaidee mit pädagogischem Inhalt füllte. Außer Separatismus wurde er auch bei Ausschweifungen erwischt. Anscheinend wurde auch die russische heilige Liebe zu Waffen an die UOK-MP-Priester weitergegeben: Ukrainische Strafverfolgungsbeamte nahmen manche von ihnen wegen eigenständiger Waffenherstellung als auch wegen Hehlerei fest.

Das kirchliche pro-Kreml-Netzwerk der Agenten arbeitet während der großangelegten Invasion der Russischen Föderation aktiv mit. Der Priester-Saboteur Onufrij und Erzpriester Mychajlo wurden bereits festgenommen. Der Letztere versuchte sich herauszureden, indem er vorgab, ein Ukrainer zu sein, der in Schytomyr geboren war. Als man aber merkte, dass er nur schlechtes Ukrainisch beherrschte, nannte er sich auf einmal „Schytomyrs Unmensch“. Ein weiteres Beispiel: Als die Priester des Kyjiwer Höhlenklosters gefragt wurden, wer an diesen Krieg Schuld ist, schwiegen sie und vermieden den weiteren Dialog zu diesem Thema.

„Es gibt nichts Heiliges, nur Russland“ scheint das Prinzip der ROK zu sein. Denn wie sonst könnte man die Erschießung von Maksym Kosachyna, einem Kaplan der Orthodoxen Kirche der Ukraine durch das russische Militär erklären? Oder die Inhaftierung des russischen Priesters Ioann Burdin in der Region Kostroma (Territorium der Russischen Föderation), der seine Antikriegsposition öffentlich aussprach und die Tatsache zugab, dass Russland den Krieg mit der Ukraine begann? Als all das passierte, zerstörten russische Streitkräfte ukrainische orthodoxe Kirchen.

Die Mariä-Geburt-Kirche im Dorf Wjasiwka in der Region Schytomyr (Region Polissja), erbaut 1862. Sie wurde durch die russischen Besatzer auf zynische Art und Weise zerstört.

Die Reaktion der ukrainischen Kirchengemeinden auf all das ist es, sich von der ROK zu lösen. Die Kyjiwer Priester der UOK-MP haben sich schon mit der Bitte eine Sobor (Zusammenkunft) zu berufen an den Metropoliten von Kyjiw Onufrij gewandt, um aus dem Moskauer Patriarchat auszutreten. In dieser Zeit wechselten bereits Dutzende Gemeinden und Klöster in der ganzen Ukraine selbstständig vom Moskauer Patriarchat in die Orthodoxe Kirche der Ukraine. Derzeit unterstützen 63% der Ukrainer die Idee, die Beziehungen mit der ROK abzubrechen.

Der Einfluss der ROK ist nicht nur auf die Ukraine beschränkt. Die Moskauer Eparchie ist in einer Reihe anderer Länder — Rumänien, Serbien, Griechenland, Bulgarien, Aserbaidschan, Kirgistan und weitere — präsent. Dennoch zeigten sie schon vor zehn Jahren eine Tendenz, gegen den Einfluss der ROK zu widerstehen (insbesondere anhand der Versöhnung der orthodoxen Kirchen mit den katholischen Kirchen).

Beitragende

Idee:

Bogdan Logwynenko

Text:

Anja Jablutschna

Chefredakteurin:

Jewhenija Saposchnykowa

Redaktion:

Ksenija Tschykunowa

Bildredaktion:

Jurij Stefanjak

Übersetzung:

Halyna Wichmann

Redaktion der Übersetzung:

Klaus Wichmann

Contentmanagement:

Anastasija Schochowa