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Seit Jahrhunderten setzte sich die russische Kultur ständig zum Ziel, sich durch andere zu behaupten. Deshalb vernichtete und schändete sie auf verschiedenste Weise die ukrainische Kultur sowie die Kultur anderer Völker, welche sie versuchte, zu unterwerfen.

Angesichts eines großangelegten Krieges ist diese Vernichtung unmittelbar: Während die Besatzungsbehörden skrupellos mitteilen, dass sie die Zivilbevölkerung retten und nur militärische Infrastruktur angreifen, beschädigen und machen ihre Streitkräfte schon seit einigen Wochen die einzigartigen Denkmäler der ukrainischen Architektur, Kunst und Geschichte zunichte. Die Truppen des Aggressorstaates zielen auf einmalige Gebäude und Wahrzeichen der Städte. Ihr wahres Ziel ist es, die Ukraine und jegliche Anzeichen ukrainischer Identität vom Antlitz der Erde zu entfernen, deshalb behalten sie momentan ukrainische Kulturdenkmäler besonders im Visier.

Das Museum in Iwankiw. Foto: Censor.net

Polissja

Im Dorf Iwankiw verbrannten die russischen Besatzer in der Nacht zum 28. Februar das historisch-heimatkundliche Museum, in dem etwa zweieinhalb Dutzend Werke von Marija Prymatschenko aufbewahrt wurden. Sie lässt sich als eine der berühmtesten Künstler*innen im Genre der Naiven Kunst bezeichnen. Glücklicherweise gelang es den Dorfbewohner*innen, einige der Gemälde zu retten und sie zu bewahren.

Am 7. März wurde im Dorf Wjasiwka die 1862 erbaute Mariä-Geburt-Kirche zerstört. Die Kirche war ein geschütztes Baudenkmal von nationaler Bedeutung. Infolge des feindlichen Luftangriffs war am selben Tag die Pokrowska-Kirche in der Stadt Malyn getroffen.

Siwerschtschyna

Wegen des ständigen russischen Beschusses werden die Denkmäler der alten Stadt Tschernihiw zerstört. Die Sankt-Theodosius-Kirche, in deren Keller sich Menschen versteckten, wurde niedergebrannt. Am 27. Februar wurde in Tschernihiw das Theaterzentrum für Jugendliche — das im Jahre 1939 errichtete historische Gebäude eines ehemaligen Kinos — teilweise zerstört.

Die Museen in Tschernihiw wurden ebenso zerstört. In der Nacht zum 11. März bombardierten die russischen Besatzer das am Ende des 19. Jh. erbaute Gebäude des Wassyl-Tarnowskyj-Museums für ukrainische Altertümer. Seit einem halben Jahrhundert befand sich dort die Tschernihiwer Regionalbibliothek für Jugendliche. Und am 12. März beschädigten die Russen Fassaden, Fenster und einen Teil der Ausstellung des Militärhistorischen Museums.

In der Stadt Sedniw fuhren am 7. März feindliche Militärfahrzeuge durch das Territorium des Hofs vom Oberhaupt des Poltawer Gouvernements Fedir Lysohub. Nach Angaben des Direktors des Tschernihiwer Historischen Museums Serhij Lajewskyj, wurde dadurch der Zaun beschädigt, der Hof selbst blieb aber unversehrt.

Foto: Carlos Barria, Kyjiw, 01/03

Naddniprjanschtschyna

Am 1. März schlug eine der feindlichen Raketen den Kyjiwer Fernsehturm ein, der sich auf dem Gelände der Holocaust-Gedenkstätte Babyn Jar, des alten jüdischen Friedhofs, befindet. Im Gebäude des Sportzentrums „Avangard“ in Babyn Jar sollte es das Museum für Holocaust in der Ukraine und Osteuropa eingerichtet werden, und im Gebäude des ehemaligen Büros des Lukjaniwska-Friedhofs sollte es das Museum für Opfer und Vergessen der Babyn-Jar-Tragödie eröffnet werden.

Mehrere Kirchen wurden auch durch den Beschuss beschädigt: die Sankt-Georgs-Kirche im Dorf Saworytschi (erbaut im Jahre 1873), die Himmelfahrtskirche im Dorf Bobryk (1998) und die Sankt-Peter-und-Paul-Kirche in der Stadt Butscha (20 Jh.).

Die Sankt-Georgs-Kirche, Saworytschi. Foto: BBC

Das Slowo-Gebäude, Charkiw. Foto: @dionisium

Das Slowo-Gebäude, Charkiw. Foto: @dionisium

Sloboschanschtschyna

Dutzende von historischen Gebäuden und Kathedralen waren in Charkiw getroffen, die das russische Militär immer wieder versucht, in Trümmer zu legen.

Am 7. März beschädigte eine feindliche Rakete das Slowo-Gebäude, in dem sich die Schriftsteller*innen der 1920er Jahre aufgehalten hatten. Seit 2020 fanden dort Literaturresidenzen und -veranstaltungen sowie Hausabende statt.

„Für die Russen ist es ganz selbstverständlich, denn sie haben unsere Kultur immer vernichtet. Diesmal wird es aber ihnen nichts gelingen. Russen sind Barbaren…“, so äußerte sich der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan zu den Schäden am Slowo-Gebäude.

Am 7. März wurden die Fassade und Fenster des Charkiwer Kunstmuseums schwer beschädigt. Ausstellungsobjekte sind intakt geblieben. Die Mitarbeiter*innen betonten dennoch, dass eine starke Temperatur- und Feuchtigkeitsveränderung mit der Zeit eine negative Auswirkung auf deren Zustand habe.

„Die Sammlung des Charkiwer Kunstmuseums ist nicht nur eine der größten, sondern eine der wertvollsten in der Ukraine. Wir haben Werke von Dürer, niederländische Grafik-Kunst im Original, Werke von Repin, Siemiradzki und Polenows. Ironischerweise müssen wir die Bilder russischer Künstler vor ihren eigenen Landsleuten retten“, teilt Maryna Filatowa, Leiterin der Abteilung für ausländische Kunst, mit.

Am 1. März um 08:01, als die Ausgangssperre endete, stand der Swoboda-Platz im Stadtzentrum von Charkiw unter feindlichem Beschuss. Infolgedessen wurde das Gebäude der Regionalverwaltung von Charkiw auf dem Swoboda-Platz zerstört. Am selben Tag wurde zudem die Charkiwer Philharmonie durch den russischen Luftangriff beschädigt.

Am 12. März beschädigten die russischen Streitkräfte das Charkiwer Nationale Mykola-Lysenko-Theater für Oper und Ballett. Und am 13. März war die Charkiwer Staatliche W.-Korolenko-Wissenschaftsbibliothek, eine der größten Bibliotheken der Ukraine sowie Europas mit einer Sammlung von 7 Millionen Exemplaren in verschiedenen Sprachen, durch russischen Beschuss getroffen. Im Inneren des Gebäudes wurden Buntglas, Fenster, zwei Buchlagerstätten, das Hauptgebäude sowie ein Flügel beschädigt. Bücher blieben unversehrt, sie können aber beschädigt werden, wenn die richtige Temperatur nicht eingehalten wird.

Am 9. März zerstörten die Russen das Städtische Heimatmuseum aus dem 20. Jahrhundert in Ochtyrka vollständig.

Das Museum in Ochtyrka. Foto: unbekannter Autor

Am 1. März besetzten die Angreifer eine historische Stadt Trostjanez und zerstörten einige der Architekturdenkmäler, darunter die Kunstgalerie eines altehrwürdigen Wohnsitzes von Oleksij Golizyn sowie den „Kruglyj Dwir“ (den runden Hof) aus dem 18. Jahrhundert.

Am 2. März wurden die Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert durch den Raketenangriff auf dem Hof der ehemaligen Artillerie-Akademie (heutzutage der I.-G.-Charytonenko-Kadettenanstalt) in Sumy beschädigt.

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Infolge der aktiven Kämpfe in Sloboschanschtschyna wurde eine Vielzahl von religiösen Denkmälern beschädigt. Dazu gehören unter anderem:

– Mariä-Entschlafens-Kathedrale aus dem 18. Jahrhundert in Charkiw;
– Kirche der Heiligen Myrrhenträgerinnen in Charkiw;
– St.-Antonius-Universitätskathedrale aus dem 19. Jahrhundert in Charkiw;
– Gebetshaus der Evangeliumschristen-Baptisten in Isjum;
– Kirche der Sankt Königin Tamar Ukrainska in Charkiw;
– Christi-Geburt-Kathedrale in Sewerodonezk;
– Mariä-Entschlafens-Kloster in Swjatohirsk.

Das Kloster in Swjatohirsk zählt zu einer der drei orthodoxen Klöstern in der Ukraine. Die erste Erwähnung vom Kloster stammt aus dem 16. Jahrhundert, die Mönchsiedlung war jedoch schon während der Zeit der Kyjiwer Rus verzeichnet.

Das Drama-Theater in Mariupol

Pryasowja

Am 12. März beschossen die Russen die Süleyman-und-Roxelane-Moschee in Mariupol. Im Inneren der Moschee versteckten sich mehr als 80 Erwachsene und Kinder. Unter ihnen waren auch türkische Staatsbürger*innen gewesen.

Am 16. März warfen die russischen Besatzer eine Bombe auf das Drama-Theater in Mariupol ab. Hunderte von Menschen versteckten sich drinnen, viele von ihnen mit kleinen Kindern.

Podniprowja und Saporischschja

Am 7. März beschossen die Besatzer das historische Architekturmuseum-Reservat „Popows Gehöft“ in Wassyliwka und in der Nacht zum 14. März plünderten sie seine Ausstellungsobjekte.

Durch den Beschuss wurde am selben Tag die Sankt-Tichon-Sadonski-Kirche in der Stadt Huljajpole beschädigt.

Infolge eines Raketenangriffs wurden am 11. März in der Brjansker St.-Nikolaus-Kirche von 1913-1915 in Dnipro, in der sich heutzutage das Haus der Orgel- und Kammermusik befindet, die Fassade und Fenster durch eine Explosionswelle teilweise beschädigt.

Das Museum-Reservat „Popows Gehöft“

Das sind nur einige der dokumentierten Fälle seit der großangelegten Invasion Russlands in die Ukraine im Jahre 2022. Jeden Tag vernichten die Russen zynisch und absichtsvoll Bildungseinrichtungen, historische Herrenhäuser, Architekturdenkmäler usw. Strafverfahren wegen begangenen Verbrechens russischen Militärs werden bereits dokumentiert.

„Größere Denkmäler in der Ukraine sind ebenso bedroht, deshalb binden wir die UNESCO aktiv ein, um das Haager Abkommen zum Schutz des Kulturguts in der Weltkonfliktzone in Kraft zu setzen. Weil Russland viele Weltabkommen zum Schutz des Kulturerbes bereits verletzt“, kündigt Oleksandr Tkatschenko an, Kulturminister sowie Minister für Informationspolitik.

Neben diesen Gräueltaten gegen materielles Kulturerbe besteht es die Gefahr, dass der nicht vollständig erforschte ethnografische Bestandteil einiger Regionen verloren geht. Der großangelegte Krieg verhindert die Möglichkeit, mit den noch lebenden Traditionsträger*innen authentischer Kultur zu kommunizieren und ihr Erbe mit Hilfe von digitalen Medien aufzunehmen.

Trotz aller Versuche Russlands, Kulturdenkmäler zu vernichten, bewahren und erschaffen die Ukrainer*innen ihre Identität mit neuer Kraft.

Das Ministerium für Kultur und Informationspolitik der Ukraine in Zusammenarbeit mit dem Regionalen Zentrum für Menschenrechte entwickelte ein Portal zur Dokumentation von Kriegsverbrechen gegen die Menschlichkeit und Kulturerbstätte, die die russischen Streitkräfte begangen hatten. Wenn Sie eine Möglichkeit haben, dokumentieren Sie den Schaden und erteilen die Ihnen bekannten Informationen, indem Sie einen Fragebogen auf der Webseite ausfüllen. Die bereits erfassten Kriegsverbrechen gegen ukrainische Kulturdenkmäler sind unter folgendem Link anzuschauen.

Beitragende

Idee:

Bogdan Logwynenko

Text:

Tonja Andrijtschuk

Bohdana Telytschuk

Chefredakteurin:

Natalija Ponedilok

Redaktion:

Marija Horbatsch

Bildredaktion:

Jurij Stefanjak

Übersetzung:

Oleksandr Lupaschko

Redaktion der Übersetzung:

Halyna Wichmann

Contentmanagement:

Anastasija Schochowa