Lwiw. Transformation des Hnat-Chotkewytsch-Kulturpalasts

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Der Hnat-Chotkewytsch-Kulturpalast in Lwiw befindet sich in einer Phase der Veränderungen und Erneuerungen — genau wie der Stadtteil, indem er sich befindet. Ein neues Team kümmert sich seit 2018 um die Wiederbelebung der Institution, hat eine nachhaltige Entwicklungsstrategie entworfen und setzt sie allmählich erfolgreich um.

Die Geschichte des Palasts begann mit einem „Сrowdfunding“ („Spilnokoscht“). Er wurde mit dem Geld der ArbeiterInnen gebaut, die das Bedürfnis nach kultureller Auszeit hatten. Trotz der schwierigen Zeit der Pandemie und Quarantänemaßnahmen, gelang es der Palastverwaltung seit 2020 zweimal, genügend Spenden für die Kofinanzierung von den geplanten Projekten zu sammeln.

Crowdfunding zwischen den Weltkriegen

Der Kulturpalast wurde als Freizeitklub für die ArbeiterInnen in Lemberg gebaut. Alle Wünsche wurden erfüllt: Neben Kulturangeboten gab es eine Kegelbahn, ein Bistro, eine Bibliothek, einen Raum für Gesellschaftsspiele und einen Raucherbereich, getrennte Garderoben für Männer und Frauen, und sogar eine Einliegerwohnung für den Direktor.

Die Idee, einen Klub für die ArbeiterInnen zu bauen, entstand 1924, nachdem sie protestiert hatten, da es für sie keinen Ort für Freizeit und Erholung gab. Die Stadt hatte keine finanziellen Mittel, stellte aber das Grundstück zur Verfügung. Der Betriebsrat entschied, ein Prozent der Gehälter einzubehalten. Diese Idee wurde über zehn Jahre umgesetzt. Trotz der damaligen Wirtschaftskrise bauten die Arbeiter abends sowie an den Wochenenden selbst mit. 1938 waren alle Arbeiten abgeschlossen: entstanden war ein bemerkenswertes Beispiel der funktionalistischen Architektur, das von den damals populären Architekten Tadeusch Wrubel und Leopold Karasinsky entworfen worden war. Sie waren die Ko-Designer einer ganzen Reihe von Gebäuden in Lwiw, die sie im Stil der Moderne und des Art Déco entwarfen: das Verwaltungshaus der kommunalen Elekrizitätswerke (heute nutzt der Sicherheitsdienst der Ukraine das Gebäude in der Vitowsk-Straße), eine Wohnanlage für die Mitarbeiter der Gmina in Lwiw in der Zhowkiw-Straße, das Haus der Ärztekammer sowie die Villen der „Professoren-Siedlung“.

Gmina
Eine Einheit der lokalen Selbstverwaltung in Polen.

Tetjana Prodan ist stellvertretende Leiterin des Palasts und erklärt, dass die Kulturpolitik damals wie heute von den BürgerInnen gemacht wird.

„Die Geschichte des Palasts ist eine Crowdfunding-Geschichte. Das war der Ausgangspunkt für den Bau und auch heute ist Crowdfunding ein wichtiger Bestandteil des Projektes. Dieses Prinzip findet Resonanz nicht nur bei denjenigen, die es versuchen, ihre Gemeinde zu entwickeln. Es impliziert das Bürgerbewusstsein. Der Chotkewytsch-Palast wurde so geschaffen und existiert bis heute nach diesem Prinzip.“

Ab 1938 gab es im Gebäude ein Kino. In sowjetischen Zeiten verwandelte sich der Klub der Arbeiter in den Klub der Straßenbahnfahrer. Auch danach änderten sich mit den Umbrüchen der Geschichte Namen und Angebote des Palasts, doch immer wurde hier Kultur geschaffen. Unter verschiedenen Schildern, Fahnen und Ideologien.

Unter der Schirmherrschaft eines Multitalents

Der Palast befindet sich in Pidsamtsche, einem historischen Viertel Lwiws. Über lange Zeit lebten hier Handwerker und später FabrikarbeiterInnen.

In der Zeit der politischen Instabilität und Regierungswechsel der 1930er Jahre spiegelte der Klub die Stimmung der BürgerInnen wider. So organisierte die Kommunistische Partei Polens und der Westukraine 1936 einen antifaschistischen Kongress der Kulturschaffenden. Intellektuelle aus Polen, der Westukraine und Belarus nahmen daran teil. Tetjana Prodan sagt:

„Die Institution war nicht nur das Kultur- und Freizeitzentrum, sondern auch ein Zentrum, in dem sich gewisse Gesinnungen, politische Ansichten und Widerstand bildeten.“

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Während der deutschen Besatzung saß hier der Judenrat-, die Zwangskörperschaft der jüdischen Gemeinde, die im Ghetto von Lwiw lebte. In sowjetischen Zeiten trug der Palast den Namen von Mykola Kusnjetzow, einem Agenten des NKWD (Innenministerium der UdSSR). Deswegen hat der Palast den Spitznamen „Kusnietschik“ bekommen. Und in den 1990er Jahren als die Ukraine wieder unabhängig wurde, benannte man ihn nach Hnat Chotkewytsch.

NKWD (Innenministerium der UdSSR)
Das NKWD wurde 1946 in das MWD der UdSSR (Abkürzung für Ministerstwo wnutrennich del, Ministerium für innere Angelegenheiten) umgewandelt.

Chotkewytsch wurde aufgrund seiner vielseitigen Talente ausgewählt. Er war Schriftsteller, Komponist, Ethnograph, Historiker, Kunstwissenschaftler und Theaterkritiker, Ingenieur und Aktivistt. Er wurde in Charkiw geboren und lebte in mehreren Regionen, die zu verschiedenen Reichen gehörten. Einige Zeit lebte er in Lwiw, dann in den Regionen Huzulschtschyna, Bukowyna, in Kyjiw und in Woronesch. 1938 wurde Hnat Chotkewytsch Opfer des stalinistischen Terrors: Er wurde aufgrund einer gefälschten Anklage in Spionage erschossen.

Der Vertreter des galizischen Piemont konnte sich nicht auf ein Gebiet allein beschränken. Er musste so viele Kulturgebiete wie möglich abdecken, um der reifenden Nation Ideen vorzustellen, die sie später auffängt. Die Namenswahl für die Institution ist nicht nur eine Rolle, sondern zeigt, wie eine Kultureinrichtung auf die eine oder die andere Ideologie reagiert und wie sie sich im Einklang mit der Kulturpolitik entwickelt. Wir beschränken uns nicht auf Angebote für Kinder. Wir wollen den Chotkewytsch-Palast als Plattform für Kulturschaffung verstehen.

Das Ukrainische Piemont
Metapher für die nationale Befreiungsbewegung, die ihr Zentrum in Lwiw in Galizien hatte, nach dem Beispiel des italienischen Piemont, wo die Befreiung von Fremdherrschaft und die Wiedervereinigung der italienischen Länder begann.

Mit dem Niedergang der Industrie in den 1990er Jahren wurde Pidsamtsche ein etwas depressiv wirkendes Stadtviertel. Heute jedoch versuchen die AnwohnerInnen und Kultureinrichtungen dies zu verändern. Neben dem Chotkewytsch-Palast werden andere Industriebauten renoviert: das Lwiwer Werk für medizinische Elektronik (REMA) und die sogenannte Marmeladenfabrik, die in Orte für moderne Kunst, Büros und Werkstätten umgewandelt wurden.

Wovon lebt der Chotkewytsch-Palast?

Dem Vorbild seines Namens folgend, dient der Palast als Zentrum für junge MusikerInnen, SchauspielerInnen, MalerInnen, SchriftstellerInnen und TänzerInnen. Tetiana Prodan betont die Bedeutung von Orten für die Entwicklung von Talenten:

„Die Aufgabe unseres Zentrum ist es, AnfängerInnen die Möglichkeit zur Entfaltung ihrer Talente zu geben. Man weiß nie, ob man nicht vielleicht berühmt wird. Alles fängt auf eher kleineren Bühnen an. Alle fangen im Kleinen an. Alles entsteht durch Arbeit, Fehler und Herausforderungen. Deswegen ist ein solcher Ort für AnfängerInnen wichtig.“

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Im Klub wurde schon 1947 die Tanzgruppe „Mrija“ (Traum) gegründet, die bis heute existiert. Sie hat Status eines Volksensembles. 1956 spielten ihre Mitglieder im Musikfilm „Lieder über Dnipro“ mit. Die stellvertretende Direktorin des Kulturpalasts Olexandra Onyschkewytsch erzählt, dass ihre Alumni manchmal als LehrerInnen zurückkommen oder ehemalige TänzerInnen ihre eigenen Kinder bringen:

„Es ist so wie eine Familientruppe: Ganze Generationen kommen hierher. Wenn früher die Großeltern kamen, dann kommen heute ihre Enkel oder Urenkel.“

In „Mrija“ tanzen die Erwachsenen, das Ensemble „Die Blumen der Ukraine“ bringt Kinder zusammen. Außer Volkstänzen gibt es eine Gruppe für modernen Tanz, Gesangs- und Kunststudios, zwei Theatergruppen und die Filmkomission. Die Filmkommision ist eine kommunale Organisation, die Lwiw als Drehort bewirbt und Filmproduktionen berät. Auch das Satiretheater „Unter der Brücke“ ist im Palast entstanden, hier wurden die Wettbewerber der galizischen Liga des KWK (Humorwettbewerb) vorbereitet. Darüber hinaus ist die Einrichtung ein Ort für Literaturveranstaltungen, z.B. während der Buchmesse. Es haben hier Jurij Andruchowytsch, Jurij Wynnytschuk und Viktor Neborak mit ihren Lesern gesprochen.

KWK
Klub von Glücklichen und Schlauen — Vielfältiges humoristisches Teamspiel.

2015 wurde Lwiw UNESCO-Literaturstadt, und der Chotkewytsch-Palast ihre Residenz. Dieser Teil der kreativen Entwicklung macht Lesen, Literaturtourismus, das Verlagswesen und die Übersetzertätigkeit bekannt. Ein anderer Teil organisiert Residenzen für ukrainische und ausländische AutorInnen sowie ÜbersetzerInnen. Die eingeladenen SchriftstellerInnen kommen in eigens eingerichteten Wohnungen unter, um Lwiw besser kennenzulernen und über die Stadt zu schreiben.

Der Chotkewytsch-Palast erweitert kontinuierlich seine Aktivitäten und bietet jetzt auch Fremdsprachen, Workshops und Vorträge an. 2020 wurde im Palast eine Galerie für angehende KünstlerInnen eröffnet. Hier befindet sich auch das Theater für Binnenflüchtlinge Domus, das von der Regisseurin aus der Krym Natalija Menschykowa gegründet wurde. Ab und zu probt die Truppe des Lwiwer Theaters für Oper und Ballett im Palast. Schließlich trifft sich hier noch eine Gruppe der ukrainischen Pfadfinder, Plast.

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In den 1980er und 1990er Jahren wurde der Hnat-Chotkewytsch-Palast eine der ersten Bühnen für zukünftige Musiklegenden, bspw. für die Bands „Mertwyj Piwen“ („Toter Hahn“), „Brüder Hadjukiny“, „Pikkardijska Terzija“, für Ruslana und auch die ganze kreative Familie von Tschubaj: für den Dichter Hrytsko und seine Kinder Solomija und Taras, der die Band „Platsch Jeremii“ anführt. In den Jahren, in denen freidenkende MusikerInnen nicht überall auftreten konnten, fanden sie im Kulturpalast ihren Platz. Genau hier in seinem Keller schuf der musikalische Untergrund seine unvergesslichen Hits.

Im Chotkewytsch-Palast fand die Auswahl für das ukrainische Festival „Tscherwona Ruta“ statt, das 1989 ins Leben gerufen wurde und nach dem Kultlied von Wolodymyr Iwasiuk benannt wurde. Seit 2018 kommen frühere Bewohner in dieses Musikzentrum zurück. Die Leiterin des Kulturpalasts sagt, dass VertreterInnen verschiedener Bands, die hier in den 1990er Jahren ihren Weg begannen, heute wieder zusammenarbeiten wollen:

„Die Entwicklung des kulturellen Umfelds begann in den 1990er Jahren im Chotkewytsch-Palast. Und jetzt kommen sie zurück, auch junge Bands kommen und wollen hier proben. Sie kommen wegen der Kreativität, der Atmosphäre her.“

Das Gesangsensemble „Pikkardijska Terzija“ probt hier seit über 20 Jahren, genauso wie die Band „Wszystko“, die vor allem alte Lieder insbesondere des Interpreten und Komponisten der Zwischenkriegszeit Bogdan Wesolowski wiederbelebt. Laut der Palastmanagerin passt dies zum Konzept: der historische Raum wird mit neuen Bedeutungen gefüllt.

Funktionale Transformation

Bis 1997 gehörte der Palast zum „Lwiwelektrotrans“, später wurde er an die Stadt Lwiw übergeben. Doch selbst nachdem sich die Kultureinrichtung entwickelt hatte und eine feste Basis für Festivals geworden war, war sie in der Nachbarschaft nicht besonders beliebt. Laut der Leiterin Oleksandra Onyschkevytsch erzählen einige EinwohnerInnen Lwiws, dass ihre Kinder das Gebäude wie ein Gefängnis betrachten: geschlossen und unerreichbar. Diese Wahrnehmung zu ändern, hat Priorität.

Die Revitalisierung der Kultureinrichtung begann 2018 nach der Wahl der neuen Leitung. Zuerst wurde eine vertrauensvolle Atmosphäre im Team geschaffen. Schließlich hatten die rund 70 MitarbeiterInnen, von denen einige hier seit Jahrzehnten arbeiten, die neue Leitung zunächst mit Vorbehalten betrachtet. Diese berücksichtigte jedoch bei der neuen Entwicklungsstrategie bis 2025 die Meinung aller KollegInnen. Laut Oleksandra arbeitet das Team, das heute die Revitalisierung vorantreibt, professionell und ergebnisorientiert:

„Wir haben zwei Jahre vor allen Dingen am Vertrauen vom Team und allen MitarbeiterInnen gearbeitet, um ihnen zu erklären, dass wir nicht gekommen sind, um ihnen zu schaden. Wir sind gekommen, um zu helfen, wiederherzustellen, zu erneuern und um historischen Wert zu bewahren.“

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Die Entwicklungstrategie des Chotkewytsch-Palasts hat vier Hauptkomponenten: Bedeutung, Infrastruktur, Team und Kommunikation. Die Bedeutung liegt darin, kulturelles Erbe und Traditionen zu erhalten und einen Raum für neue Ideen zu schaffen. Die Infrastruktur des Palastes soll bequem und barrierefrei sein, mit Gestaltung des öffentlichen Raums und des Innenhofs. Das Team soll laut Strategie aus kreativen, motivierten Fachkräften bestehen, die ständig lernen, sich verbessern und am Puls der Zeit bleiben. Außerdem soll der Palast ein wertschätzender Arbeitsplatz sein. Im Bereich Kommunikation soll die Marke Chotkewytsch-Palast entwickelt und neue Zielgruppen unter EinwohnerInnen und TouristInnen erreicht werden.

Die vier Komponenten werden mit unterschiedlichen Farben visualisiert: Burgund, das der Farbe der Dachziegel ähnelt, steht für die Infrastruktur, Grün für das Schaffen von Bedeutung, Orange für Kommunikation, und Gelb für das Team. Sie wurden zum Corporate Design für die Kreativstudios und Teams. Laut der neuen Strategie ist das Ziel des Palastes eine wettbewerbsfähige, moderne Kultureinrichtung zu werden, die ein möglichst breites Publikum anspricht, innovative Bildung anbietet und die kulturelle Trends setzt.

Die Veränderungen finden im Innenraum auch weiter statt. Das Palastgebäude steht unter lokalem Denkmalschutz, sodass allen Renovierungen zugestimmt werden muss. Derzeit werden das Dach und der Saal restauriert. Ein Teil der Arbeiten wird von der Stadt finanziert. Einige Projekte wurden von der Gemeinde unterstützt, indem sie in den Bürgerhaushalt aufgenommen wurden. Studios und Klassenzimmer wurden bereits renoviert. Die offene Dachterrasse soll in Zukunft als Freiluftkino genutzt werden.

Die renovierten Räumlichkeiten erhalten neue Namen: Der Konzertsaal ist das Wohnzimmer von Chotkewytsch, die Kammerbühne heißt Hnativ-Keller (da war übrigens von Anfang an eine Kegelbahn, und in den 90er Jahren auch eine Disco und sogar ein Striptease-Club). Außerdem gibt es den Khotkevych Space als Ort für kreative Ideen.

Für das Team ist wichtig, den Räumen neue Bedeutungen zu geben: Es wäre einfach gewesen, zu kommen und alles zu zerstören, um etwas Neues zu schaffen, sagt Oleksandra. Doch sie würden stattdessen versuchen, zur historischen Wahrheit zurückzukehren:

„Wir haben mit der Geschichte angefangen. Und wenn man sich darin vertieft, will man sie nicht mehr ändern, sondern nur aktualisieren, revitalisieren, etwas Neues hinzufügen. Dabei darf das, was schon da war, bleiben.“

Vor Arbeitsbeginn konnten leider keine alten Fotos des Gebäudes gefunden werden: in keinem Archiv gibt es Fotos, die vor den 1980er Jahren entstanden sind. Daher hat man sich von ExpertInnen für die Architektur des Funktionalismus beraten lassen. Aus dem Innenraum wurden später eingefügte Elemente entfernt, da sie weder zum authentischen, noch zum neuen Design und Konzept passen. Einige sowjetische Tafeln und Mosaike werden bleiben, sowie Steinverklediungen und armenischer Tuff.

Eine der beteiligten Expertinnen, die Architektin und Wissenschaftlerin für funktionalistische Architektur Julia Bogdanowa, erklärt, dass man auch bei den Umbauten zu Sowjetzeiten — als die Räumlichkeiten ausgebaut wurden, um die Teilnehmenden der alten und neuen Gruppen unterzubringen versucht hatte, sich an die Stilistik des Gebäudes zu halten. Aber das Interieur wurde fast komplett verändert. Nur wie durch ein Wunder sind die österreichischen Heizkörper erhalten geblieben.

„Im Untergeschoss sehen wir, wo der alte Teil endet und der sowjetische Anbau beginnt. In der Regel können wir auf der Ebene dieser technischen Stockwerke sehr deutlich sehen, wie sich die Bauten während der Sowjetzeit veränderten: es wurden schmale Gänge und viele Kammern gebaut. Es gibt keine freien, weiten Räume, alles steht sehr eng zusammen.“

2019 trafen sich im Palast zu einem Workshop junge HistorikerInnen, ArchitektInnen, DesignerInnen, die eine Woche lang Ideen für die Institution entwickelt haben. Sie wurden in Teams unterteilt, die sich jeweils mit einem Bereich im Raum beschäftigten und schließlich Veränderungs- und Verbesserungsvorschläge machten.

Während das Gebäude früher klar funktional gegliedert war – Lobbybereich, Personalräume, Garderoben, Toiletten, Büros – liegt jetzt ein neues Prinzip zugrunde. Kleine Büros wurden abgeschafft und zu einem einzigen Raum für Besprechungen neuerdings auch für Coworking umgebaut. Das Team entschied sich, jede der Räumlichkeiten kompetent und multifunktional zu nutzen, da der Palast die kulturellen Bedürfnisse der BewohnerInnen eines großen Teils des nördlichen Stadtteils von Lwiw befriedigen muss:

„Die aktuelle Aufgabe besteht darin, jeden Zentimeter zu nutzen, um Menschen zu versammeln, ihnen einen komfortablen Raum anzubieten und viele neu entstandene Funktionen zu erfüllen. Die Räumlichkeiten werden den heutigen, modernen Bedürfnissen angepasst.“

Auch die bereits sanierten Toiletten erfüllen alle Anforderungen. Es gibt separate Kabinen für Menschen mit Behinderung, kindgerechte Toiletten mit abgesenkten WCs, einen Mutter-Kind-Raum mit Wickeltisch, Stillsessel und Töpfchen für Kleinkinder.

Es gibt noch viele Räume im Palast, die renoviert oder restauriert werden müssen. Um sie zu modernisieren, werden in den nächsten Phasen der Revitalisierung die dringendsten Bedürfnisse der Gesellschaft und kulturelle Trends untersucht.

Künstlerische Debüts

Die Idee der Raumfunktionalität wurde bei der Gründung der ersten Jugendgalerie Lwiws „HotArtHall“, die 2019 von TeilnehmerInnen eines Workshops vorgeschlagen wurde, erfolgreich umgesetzt. Sie wurde in einem breiten Flur des Palastes im Erdgeschoss untergebracht. Die HotArtHall führte die Idee des Crowdfunding fort, mit der die Geschichte des Gebäudes begann. Das Team der Institution hat hiermit seine erste internationale Förderung aus dem Förderprogramm der Europäischen Union „House of Europe“ gewonnen. Während der strengsten Quarantäne gelang es der Palastverwaltung, 82.000 Hrywnja durch Crowdfundingeinzunehmen. „House of Europe“ gab 6000 Euro dazu.

Das visuelle Konzept für die Umgestaltung entwickelte der Designer Witalij Schidej. Es schafft einen maximal flexiblen und simplen Raum, der leicht zu gestalten ist und auf alles Überflüssige verzichtet. Alte, furnierte Türen wurden um authentische Messingverschlüssen ergänzt, der Boden restauriert. Durch die Neuverkleidung der Wände wirkt die HotArtHall optisch größer.

Jetzt verfügt der Palast nicht nur über ein Kunstatelier, sondern auch über einen kostenlosen Ausstellungssaal für Mitglieder und junge KünstlerInnen, die ihre ersten Ausstellungen organisieren. Der neue Raum weckte sofort Interesse, 23 junge Künstler reichten gleich ihre Bewerbungen ein. Ihre Debüts sind bis Ende 2021 im Chotkewytsch-Palast geplant. Der Vorteil der HotArtHall-Galerie besteht darin, dass man versucht hat, den Raum qualitativ und funktional zu gestalten (z.B. kann man die Bilder in unterschiedlichsten Formaten präsentieren, und die Aufhängungen halten bis zu 15 Kilogramm Gewicht aus).

Das Team wollte nicht aufhören und hat sich entschieden, im Erdgeschoss, wo einst eine Garderobe stand, eine Galerie für Multimedia-Kunst und die Ausstellung dreidimensionaler Werke auszustatten. Dort werden entsprechende Beleuchtung, Projektoren und Podeste für Skulpturen installiert. Inspiriert vom Erfolg des realisierten Projekts der Galerie für bildende Kunst hat die Verwaltung des Chotkewytch-Palastes diesmal einen noch größeren Betrag gesammelt — 98.000 Hrywnja; der Rest der Arbeiten wird von der Internationalen Stiftung „Widrodschhennja“ kofinanziert. Olexandra hält die Förderung von Kultur für sehr wichtig:

„In Krisen- und Quarantänezeiten, sparen Menschen Geld für Lebensmittel und spenden trotzdem etwas für Kultur. Das bedeutet, dass sie diese Kultur brauchen.“

„Neues sehen, über den Horizont hinausgehen“

Das Team des Palasts arbeitet nicht nur an der Revitalisierung der Institution, sondern auch am gesamten, noch traurig anmutenden, postindustriellen Viertel. Denn das Wichtigste sind für das Palast-Team, die Menschen. Der neue Slogan der Institution lautet: „Neues sehen, über den Horizont hinausgehen“.

Der Chotkewytsch-Palast versucht, die BewohnerInnen in einen kulturellen Prozess einzubeziehen, den sie mitgestalten und nicht nur in der Freizeit passiv beobachten. Der Palast möchte eine Plattform werden, die es den BürgerInnen ermöglicht, sich zu entwickeln – indem er ihre Bedürfnisse erfüllt. Olexandra bemerkt die wachsende öffentliche Nachfrage nach Kulturveranstaltungen im Palast:

„Im Moment sind alle von der Arbeit und dem Alltag müde. Und so erleichtert eine kulturelle, geistige Bereicherung einmal in der Woche für eine Stunde den Alltag.“

Die stellvertretende Direktorin Tetyana Prodan erklärt, dass es wichtig sei, das Potenzial des Viertels als historisches Gebiet aufzuzeigen, indem man die Geschichte von Pidsamtscha und der Institution erzählt, und die verschiedenen Schichten, die Identitäten der hier lebenden Menschen zeigt. Und der Palast ist ein Mediator, ein Kulturzentrum, das ein eigenes Netzwerk der Interaktion zwischen verschiedenen Akteuren schafft. Die Aufgabe des Teams, so Tatiana, sei es, im Palast etwas Besonderes zu finden, auf das die Gemeinde nicht verzichten werde, Kulturpolitik werde gemeinsam geschaffen:

„Bei der Umsetzung unserer Strategie bewegen wir uns weg von den Stereotypen der sowjetischen Pionierhäuser, als die ganze Ideologie von oben von der Führung kam. Wir versuchen, diese Sichtweise zu ändern, zu zeigen, dass wir mit der Gemeinschaft interagieren und unsere eigene Kulturstrategie auf diesem Prinzip aufbauen. Davon hängt unsere weitere Entwicklung ab.“

Das Viertel Pidsamtscha erlebt wie schon vor hundert Jahren eine Revitalisierung. Damals wurde es von ArbeiterInnen der neuen Fabriken bewohnt. Heute werden auf dem Gelände der gleichen aber längst verlassenen und zerstörten Industriegebiete Häuser gebaut. Der Ort wird von neuen BewohnerInnen bewohnt, die seine neue Geschichte schreiben. Der Kulturpalast von Hnat Chotkewytsch möchte als Kulturzentrum ein fester Bestandteil des täglichen Lebens der EinwohnerInnen von Lwiw sein und Impulse für ihre Entwicklung und Freizeitgestaltung geben.

unterstützt durch

„House of Europe“ ist ein von der Europäischen Union finanziertes Programm zur Förderung des professionellen und kreativen Austauschs zwischen den Ukrainern und ihren Kollegen aus den EU-Staaten. Leiter des Programms „House of Europe“ in der Ukraine ist das Goethe-Institut. Als Partner des Projektkonsortiums treten British Council, das französische Institut und die tschechischen Zentren auf.

Beitragende

Idee:

Bogdan Logwynenko

Projektmanagement:

Iwanna Wlasjuk

Ljudmyla Kutscher

Text:

Oryssja Schyjan

Chefredakteurin:

Natalija Ponedilok

Redaktion:

Anastasija Sjerikowa

Produktion,

Skript:

Karyna Piljugina

Interview:

Irina Makarchuk

Assistenz der Produktion:

Natalija Wyschynska

Foto:

Sofija Soljar

Video:

Nazar Nazaruk

Jurij Palywoda

Schnitt:

Nadija Melnytschenko

Regie:

Mykola Nossok

Ton:

Anastasija Klymowa

Bildredaktion:

Kateryna Akwarelna

Transkript:

Sofija Basko

Contentmanagement:

Kateryna Jusefyk

Übersetzung:

Marija Krytchak

Redaktion der Übersetzung:

Constanze Aka