Angst und Hass in der UdSSR: Wie das Leben im „goldenen Zeitalter der sowjetischen Stabilität“ wirklich war

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Mehr als 30 Jahre sind seit dem Zusammenbruch des größten totalitären Neoimperiums der Welt – der Sowjetunion – vergangen. Sein Bild als eine Oase des Komforts und der Ruhe existiert jedoch immer noch in der Erinnerung (oder der Vorstellung) einer ganzen Generation älterer Menschen, die in den UdSSR lebten. Diese Zeit fiel auf ihre Jugend, als alles um sie herum heller erschien. Auf diese Weise beginnen sie immer wieder von vorne unter der heutigen Jugend den Mythos zu verbreiten, dass in der UdSSR gut oder sogar besser als jetzt gelebt wurde. Diese Fiktion, die auf ideologischen Stereotypen über soziales Wohlergehen und Komfort im Zeitalter der sogenannten „Stagnation“ aufbaut, ist gefährlich und muss analysiert werden.

Der Mythos des „goldenen Zeitalters“ in der UdSSR wurde vom sowjetischen System aufgebaut: Hinter dem Eisernen Vorhang konnten die Menschen den Lebensstandard in verschiedenen Ländern aus eigener Erfahrung größtenteils nicht vergleichen, und Zensur und Propaganda verherrlichten nur das damalige Regime und vermieden Kritik. Die Herrschaft von Leonid Breschnew ist besonders durch die Schaffung des sowjetischen Narratives über die Größe der UdSSR und die Überlegenheit des Konzepts der „sowjetischen Lebensweise und Werte“ über dasjenige, welches in den westlichen Ländern gelebt wurde, wichtig. Der menschliche Faktor spielt auch eine Rolle bei der gegenwärtigen Verbreitung sowjetischer Mythen. Denn Jahrzehnte später scheinen die Mängel des zeitgenössischen Lebens nicht mehr so kritisch gesehen zu werden oder gar vergessen zu sein.

Der Sowjetmensch und seine Lebensweise

Die Sowjetunion baute ihre gesamte Existenz nach dem Zweiten Weltkrieg (also während des Kalten Krieges) darauf auf, westliche Länder und vor allem die USA zu „überholen“. Dieses „Überholen“ nahm meist sehr bizarre und absurde Formen an. Zum Beispiel, mehr Roheisen zu schmelzen als die USA (unabhängig vom tatsächlichen Bedarf an dieser Legierung und der Effektivität der Produktion). Oder das sogenannte Weltraumrennen, als sich die Weltraumforschung von der wissenschaftlichen Arbeit in eine wissenschaftlich-technische Konfrontation zwischen den Ländern verwandelte.

Wo die sowjetische Führung jedoch ständig Niederlagen erlitt (was sie natürlich nicht zugab), war die Bequemlichkeit der Lebensbedingungen ihrer Bürger:innen. Es gibt viele Gründe dafür, aber der Hauptgrund ist folgender: Das meiste Geld, das mit dem Verkauf von Energieträgern verdient wurde, wurde nicht in den sozialen Bereich investiert, sondern in den militärisch-industriellen Komplex, der Diktaturen und Partisanenbewegungen in „Ländern der Dritten Welt“ unterstützte. Das Streben nach Weltherrschaft und die ständigen Vorbereitungen auf den Dritten Weltkrieg drängten das Alltagsleben des Sowjetmenschen und seine täglichen Bedürfnisse wie Wohnen, Nahrung, Kleidung, medizinische und pädagogische Versorgung, Unterhaltung usw. in den Hintergrund.

Dritte Welt
Ein politischer Begriff des Kalten Krieges für die Bezeichnung von Staaten, die weder der westlichen Welt noch dem Ostblock angehörten.

Nach dem Tod von Josef Stalin änderte sich die Situation, wenn auch langsam, zum Besseren. Der Sowjetmensch hatte während der Herrschaft von Leonid Breschnew (1964–1982) den höchsten Wohlstand. Sowjetische Ideologen unter der Führung von Michail Suslow versuchten, diese Indikatoren des Wohlergehens im ideologischen Narrativ zu „zementieren“, welches wir heute als „Sowok“ kennen; damals wurde es „entwickelter Sozialismus“ genannt.

1976 sprach Leonid Breschnew am XXV. Parteitag der KPdSU zum ersten Mal über das Konzept der „Sowjetischen Lebensweise“. Laut dem Generalsekretär war es „eine Atmosphäre des wahren Kollektivismus und der Kameradschaft, den Zusammenhalt aller Nationen und Völker des Landes, die jeden Tag stärker wird, die moralische Gesundheit, die uns stark und stabil macht, – solche helle Grenzen unserer Lebensweise, solche große Errungenschaften des Sozialismus, die in unser Fleisch und Blut eingedrungen sind“.

Wie war die „Sowjetische Lebensweise“ wirklich? War tatsächlich alles so gut, wie es immer wieder gesagt wird? Wir können es besser verstehen, indem wir uns verschiedene Aspekte des Alltags und des Dienstleistungssektors, welche dem Sowjetmenschen begegneten, einmal näher ansehen.

Internationalismus und Völkerfreundschaft

Einer der Grundpfeiler der sowjetischen Propagandamachinerie war das sogenannte Prinzip des „proletarischen Internationalismus“. Mit seiner Hilfe versuchte die sowjetische Regierung zu zeigen, dass 15 Sowjetrepubliken und sogar mehr als 10 unterschiedliche Autonomien innerhalb einer Union ohne internationale Konflikte koexistieren können, weil Fremdenfeindlichkeit, nationale Unterdrückung oder Chauvinismus in der UdSSR angeblich nicht existieren. Und es spiele keine Rolle, welcher Nationalität oder Rasse der Sowjetmensch angehöre, denn die Sowjetunion sei ein Land des Internationalismus und der Völkerfreundschaft.

Tatsächlich war die Situation radikal anders. Die Führung der Sowjetunion verfolgte eine fremdenfeindliche Politik (auch das moderne Russland schämt sich nicht dafür). Nach Stalins Massendeportationen der sogenannten „kleinen Nationen“ (nicht zuletzt der Krimtatar:innen) durften einige in den 1950er Jahren in ihre Wohnorte zurückkehren. Aber auch die Rückkehr aus der Deportation schützte diese Menschen nicht vor staatlichen Einschränkungen und Unterdrückungen. Zum Beispiel gab es eine öffentliche Verwaltungsaufsicht der Polizei. Personen, die nach der Zwangsumsiedlung de facto nach Hause zurückgekehrt waren, mussten ständig den Kreispolizisten über ihren Aufenthaltsort informieren.

Außerdem gab es auch unausgesprochene Beschränkungen. Zum Beispiel konnten die Vertreter:innen deportierter Völker bestimmte Berufe nicht erlernen. Um sich an der Tambower Höhere Militärfliegerschule anmelden zu können, musste der zukünftige Präsident Itschkerias Dschochar Dudajew in seinen Dokumenten die aus Sicht der Parteiführung „richtige“ Nationalität der „Osseten“ anstelle der „falschen“ Nationalität der Tschetschenen angeben.

Eine ähnliche Geschichte ereignete sich mit dem Anführer der Krimtatar:innen, Mustafa Dschemilew. Nach seinem Abitur plante er ein Studium der Orientalistik an der Zentralasiatischen Universität. Der Leiter des Fachgebiets für Arabische Philologie sagte jedoch direkt, dass der Junge die Prüfungen nicht bestehen würde, weil Krimtatar:innen dort nicht willkommen seien. Mustafa Dschemilew, der schließlich ein politischer Aktivist und Menschenrechtler wurde, fasst über diese Politik folgendermaßen zusammen:

„Deshalb gibt es unter Krimtataren viele Baumeister, Ärzte, Ingenieure, Lehrer der russischen Sprache und Literatur, aber nur wenige Journalisten, Historiker und Anwälte. Es war streng verboten, sich an den Militäruniversitäten zu bewerben.“

Außerdem begann in der UdSSR seit den 1960er Jahren die Kampagne „Zum Kampf gegen den Zionismus“. Der Grund dafür war die politische Krise in den sowjetischen Beziehungen. Unter dem Deckmantel der Antizionismuspolitik übte die Parteiführung tatsächlich Antisemitismus aus. Jude in der UdSSR zu sein bedeutete, kein Recht zu haben, die Sowjetunion zu verlassen. Es gab auch ein unausgesprochenes Verbot für jüdische Abiturient:innen, zum Beispiel Aufnahmeprüfung an Fachbereichen mathematischer Ausrichtung an den größten Universitäten des Landes zu machen. Es gab sogar eine besondere Organisation – das Antizionistische Komitee der sowjetischen Öffentlichkeit, das für antisemitische Propaganda zuständig war. Ironischerweise wurde diese Organisation von einem Juden, dem KGB-General David Dragunsky, geleitet.

Das Komitee für Staatssicherheit (Der KGB)
war die große Spionagebehörde in der Sowjetunion. Die Hauptaufgaben des KGB waren Auslandsspionage, Spionageabwehr, Kampf gegen Nationalismus, Andersdenkende und antisowjetische Tätigkeiten. Ihre Aufgaben wurden in Russland später vom FSB (Föderaler Sicherheitsdienst) übernommen.

Aber neben dem Chauvinismus in der Staatspolitik hatte die UdSSR erhebliche Probleme mit den Beziehungen zwischen den verschiedenen innersowjetischen Nationalitäten, die manchmal sogar zu Massenunruhen führten. Es ist tatsächlich so, dass während der administrativen und territorialen Bildung der UdSSR der nationale Faktor kaum berücksichtigt wurde. Infolgedessen konnten sich Vertreter:innen einer Nationalität als Teil einer anderen Republik in nationaler Autonomie (natürlich formal) wiederfinden. Es war auch in der sowjetischen Armee typisch, eine ganze Reihe von nationalen Konflikten zu ignorieren. Dort schlossen sich Wehrpflichtige auf der nationalen Grundlage zu nationalen Gruppierungen zusammen, was zu interethnischen Konflikten führte.

Außerhalb der Sowjetarmee gab es solche Konflikte auch im zivilen Leben. Zum Beispiel fand 1981 in der Stadt Ordschonikidse in Ostossetien eine Massenschlägerei mit schweren Sachbeschädigungen zwischen Osseten und Inguschetien statt, die aus der Deportation in ihre Heimat zurückkamen. Die Gewaltexzesse dauerten drei Tage an – vom 24. bis 26. Oktober – bis sie schließlich von Armee und Polizei niedergeschlagen wurden. Aufgrund des Massakers starb eine Person, mehrere Hundert wurden verletzt und verwundert.

Im Dezember 1986 endeten die Proteste in der größten Stadt Kasachstans Alma-Ata (seit 1992 heißt die Stadt Almaty) in Massenunruhen mit Menschenopfern. Damals forderten die Demonstrierenden, hauptsächlich kasachische Jugendliche, die Ernennung eines Kasachen zum Oberhaupt der Republik Kasachstan. Anlass für solche Forderungen war insbesondere die Befürchtung der Kasach:innen, dass sich mit dem Amt eines „nicht-kasachischen“ Führers die Russifizierung und Unterdrückung ihres Volkes noch weiter verschärfen würde.

Am aufschlussreichsten sind jedoch die Ereignisse fast am Ende der Existenz der UdSSR – in den Städten Nowy Usen (heute Schangaösen in Kasachstan) und Fergana (eine Stadt im Osten Usbekistans) im Jahr 1989. In der ersten Stadt verwandelte sich eine Auseinandersetzung in einer Disco zwischen Kasachen und Vertretern kaukasischer Nationalitäten in einen internationalen Konflikt (17.–28. Juli) mit menschlichen Opfern, zu deren Unterdrückung sogar schwere gepanzerte Fahrzeuge eingesetzt wurden. Und das Fergana-Massaker stand im Zusammenhang mit dem interethnischen Konflikt zwischen Usbeken und meschetischen Türken, bei dem 103 Menschen starben und mehr als 100 verletzt wurden. Der Grund für seinen Anfang war ein häuslicher Streit.

Kostenloser Wohnraum

Einer der Hauptmythen über das „goldene Zeitalter“ der UdSSR ist der kostenlose Wohnraum. Anscheinend seien unglückliche amerikanische Arbeiter:innen gezwungen, ihr ganzes Leben lang Hypotheken zu bezahlen, und in der UdSSR stellte die Regierung Wohnungen kostenlos zur Verfügung.

Eine der Grundwahrheiten der Ökonomie, die auch für sozialistische Länder funktioniert, ist aber: Wenn etwas verschenkt wird, dann hat schon jemand dafür bezahlt. Die Kosten für „kostenlose Wohnungen“ in der UdSSR wurden von den Bürger:innen selbst getragen – indirekt. Und sie waren viel höher als die der Amerikaner:innen, die Hypotheken abzahlten. Außerdem betonte die sowjetische Führung wiederholt, dass sie nicht in der Lage sei, alle vollständig mit individuellen Wohnungen zu versorgen.

Um eine kostenlose Wohnung zu bekommen (wenn eine Person nicht in den Strafverfolgungsbehörden oder im Parteiapparat arbeitete), musste man auf der Warteliste für die Wohnung warten. Es gab einige Fälle, bei denen Menschen starben, bevor sie an der Reihe waren.

Man konnte nur die Wohnung bekommen, welche verteilt wurde. Das heißt, der Sowjetmensch konnte nicht entscheiden, in welchem ​​​​Stadtteil, auf welcher Etage oder sogar wie viele Zimmer seine Wohnung haben würde. Dies führte zu einer eigenen Art von Korruption, wenn es möglich war, sich mit den zuständigen Behörden zu „verhandeln“, um eine Wohnung früher oder mit besseren Eigenschaften zu erhalten.

Aber auch nach Erhalt einer Wohnung gehörte sie dem Sowjetmensch nicht. Die Wohnung war das Eigentum des Unternehmens oder der Institution, die sie ihm ausgestellt hatte. Tatsächlich handelte es sich um einen unbefristeten Mietvertrag. Es war nicht möglich, solche Wohnungen zu verkaufen. Daraus entstand das zweite einzigartige Format der Wirtschaftsbeziehungen in der UdSSR – „Tausch“, wenn Menschen Wohnungen mit anderen tauschten. Manchmal war es für einen vollwertigen Tausch erforderlich, eine ganze Kette mit mehreren Teilnehmenden des „Tausches“ in verschiedenen Städten zu organisieren. Der Austritt von jemandem aus diesem System zerstörte den gesamten „Tausch“.

Der massenhafte Bau von Wohnungen in der UdSSR wurde durch hohe Steuern sichergestellt, die von einfachen sowjetischen Arbeiter:innen und Bauer:innen gezahlt wurden, sowie durch den billigen Einkauf der Endprodukte von Unternehmen, in denen der Staat ein Monopol hatte. Aber auch ein solch komplexes und in vielerlei Hinsicht leibeigenes Wohnungsversorgungssystem kam den Menschen in den 1960er und 80er Jahren entgegen, weil die meisten von ihnen aus Wohnheimen und Gemeinschaftswohnungen in diese Wohnungen zogen. Aber hatte der Sowjetmensch am Ende eine Wahl?

Das Phänomen der „Kommunalka“ war für die Sowjetzeit der 1920er und 1940er Jahre sehr wichtig, als Wladimir Lenin und später Josef Stalin versuchten, einen „neuen Sowjetmenschen“ zu schaffen, der frei von „bourgeoisen Vorurteilen“ einschließlich Forderungen für Komfort und Individualismus (in diesem Zusammenhang – Trennung, Privatsphäre) sein sollte. Das Zusammenleben mit Fremden unter einem Dach und die gemeinsame Nutzung von Küche, Toilette und anderen Räumen sollte das Gemeinschaftsgefühl der Sowjetmenschen fördern und ihnen den Begriff des Privateigentums „entwöhnen“.

Während des Zweiten Weltkrieges verschlechterte sich die Wohnsituation drastisch. Die Menschen lebten dort, wo sie Unterschlupf finden konnten: Dachböden, Keller, Vorrats- und Hauswirtschaftsräume. Aus eigener Kraft bauten sie Baracken und Wohnhöhlen, benutzten Nichtwohngebäude: Schuppen, Lager und Lagerräume. Als während der Regierungszeit von Nikita Chruschtschow (1953–1964) der massenhafte Bau auch von minderwertigen und kleinen Wohnungen begann (die zwar kein vollständig privater Raum waren, aber dennoch zugänglich waren), wurde dies von den Menschen als Geschenk des Schicksals und ein großer Segen des Staates wahrgenommen.

Die Wohnungssituation begann sich mit dem Erscheinen der sogenannten „Breschnewok“ oder, wie sie auch genannt wurden, „Ulutschschonok“ (vom russischen „улучшение“, d. h. Verbesserung) zu ändern. Es gab größere Wohnungen mit Aufzügen und Müllschluckern, separaten Badezimmern und verbesserten Grundrissen. Sie waren viel schwieriger zu bekommen als „Chruschtschowkas“. Tatsächlich haben die Sowjetmenschen seit den 1970er Jahren endlich begonnen zu verstehen, was individuelles, komfortables Wohnen ist. Gleichzeitig wurde dadurch eine Art Verbraucherideal des Einwohners der UdSSR geformt. Es bestand aus einer Garderobengarnitur (die sogenannte „Wand“), einer Garnitur aus Sesseln und einem Sofa (die sogenannte „weiche Ecke“), einer Garnitur aus Küchenschränken (der sogenannten „Küchenwand“) sowie einem Fernseher und einem Kühlschrank. All diese Haushaltsgegenstände waren teuer und Mangelwaren, so dass die Menschen zunächst lange Geld sammelten und sich dann in langen Schlangen anstellten, um mindestens einen dieser Gegenstände für ihr Zuhause zu kaufen.

Der beste Zugang zu Bildung

Der zweite verbreitete Mythos der UdSSR ist, dass es dort den besten Zugang zu Bildung gab. Zu Beginn ihres Bestehens führte die Sowjetunion tatsächlich eine massive Kampagne zur Beseitigung des Analphabetismus durch, die für ein hohes Maß an Alphabetisierung in der Bevölkerung sorgte. Bei einer näheren Betrachtung des gesamten Bildungssystems in der UdSSR (und insbesondere der höheren und beruflichen Bildung) wirft der Zugang zu dieser Bildung jedoch viele Fragen auf.

Zunächst war die Transparenz des Zulassungsverfahrens an Hochschulen fragwürdig. Der Bewerber musste die Prüfungen bestehen, die vor einer speziell geschaffenen Kommission an der Bildungseinrichtung abgelegt wurden. Hier gab es keine Regelungen zur Objektivität oder Berücksichtigung von Korruptionsrisiken. Jeder Bewerber konnte von der Kommission bei Prüfungen „durchfallen“ oder im Gegenteil „gefördert“ werden, da die meisten Prüfungen mündlich abgelegt wurden.

Studierende, die schriftliche Empfehlungen von Partei- oder Komsomol-Organisationen hatten, erhielten besondere Zulassungspräferenzen. Außerdem wurde jeder Absolvent einer Bildungseinrichtung gezwungen, mindestens zwei Jahre dort zu arbeiten, wohin ihn die Universität gemäß der sogenannten Verteilung hinschickte. Darüber hinaus konnte ein Absolvent einer Kyjiwer Bildungseinrichtung leicht irgendwohin nach Zentralasien oder in den Fernen Osten geschickt werden. Diese Form der Arbeit nach dem Studienabschluss zeigt, dass Bildung „nicht umsonst“ war, sondern es gab lediglich eine weitere Form der Bezahlung dafür.

Die Ausbildung an der Universität war ideologisch geregelt. Zum Beispiel studierten Studierende aller Fachrichtungen – von Maschinenbauingenieur:innen bis zu Dirigent:innen – Fächer wie „Geschichte der KPdSU“ und „Marxistisch-leninistische Philosophie“.

Das Studium in technischen und naturwissenschaftlichen Fachrichtungen stand streng im Dienst militärischer Beschaffungsmaßnahmen und der Planwirtschaft der Sowjetunion zusammen. Gleichzeitig war das Studium in humanitären Fachgebieten (Philosophie, Journalismus, Geschichte) völlig von der Ideologie und Parteipolitik abhängig. Es scheint, dass die UdSSR den Satz des Nobelpreisträgers Ernest Rutherford, dass Wissenschaft entweder Physik oder Briefmarkensammeln sei, wörtlich genommen und in die Praxis umgesetzt hatte. Das heißt, dass es in der Sowjetunion nur Wissenschaft gab, um die Bedürfnisse des Staates zu befriedigen (vor allem im militärisch-industriellen Komplex), und dass die humanitären Disziplinen angeblich keine ernsthafte Bedeutung für das Leben und die Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft hätte. Das sowjetische System betrachtete humanitäre Forscher:innen ausschließlich als „ideologische Arbeiter:innen“. Das betraf alle, die mehr oder weniger mit der humanitären Sphäre zu tun hatten: Lehrer:innen, Dozent:innen, Museumsmitarbeitende, Bibliothekar:innen, Archivar:innen, Journalist:inne, Kritiker:innen usw.

Die beste medizinische Versorgung

Kostenlose und weltweit beste medizinische Versorgung in der UdSSR ist ein weiterer Mythos. Das medizinische System, das in den 1930er Jahren vom Volkskommissar für Gesundheit, Nikolai Semaschko, aufgebaut wurde, konnte die entlegensten Regionen der UdSSR zumindest mit einigen medizinischen Fachkräften versorgen. Das Netzwerk sogenannter FAP (Polikliniken für ambulante Pflege) ist ein Produkt seiner Reformen. Ein solch extensiver Ansatz führte in den 1960er dazu, dass es in der UdSSR zwar viele Ärzt:innen und Krankenhäuser gab, deren Qualität jedoch viel besser sein könnte. Das meiste medizinische Personal verfügte über geringe Qualifikationen und begrenzten Zugang zu medizinischen Entdeckungen und konnte oft nur Volksmedizin praktizieren, die den Patienten manchmal noch mehr schadete. Darüber hinaus herrschte bei einigen Medikamenten ein gravierender Mangel, was sich besonders bei Epidemien oder Katastrophen bemerkbar machte. Die sowjetische Medizin war auch mit veralteten Geräten ausgestattet, es wurden wiederverwendbare Nadeln in Spritzen benutzt und adäquate Lokalanästhesie auf dem Stand der damaligen Zeit war nicht bekannt.

Es gab ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen der Zahl der Krankenhäuser in den westlichen und östlichen Regionen der UdSSR. Das lag daran, dass die Sowjetunion einen Krieg gegen den kollektiven Westen plante und daher wurden mehr Krankenhäuser im vermeintlichen Frontgebiet gebaut. Aber außer einer großen Anzahl sogenannter Bettenplätze gab es dort nichts. Im Allgemeinen war die Bereitstellung von Bettenplätzen die wichtigste Managementphilosophie medizinischer Einrichtungen in der UdSSR. Es ging nicht um Qualität der medizinischen Leistungen.

Es gibt einen Mythos darüber, dass die Weltgesundheitsorganisation angeblich das sowjetische Gesundheitssystem einst als das beste anerkannte. Für eine solche Schlussfolgerung gibt es jedoch keine Anhaltspunkte. Stattdessen ist es sicher bekannt, dass die sowjetische Medizin überhaupt nicht wusste, wie Patient:innen mit Onkologie geholfen werden sollte. Dies wurde nach dem Nuklearkatastrophe von Tschornobyl (am 26. April 1986) besonders aufschlussreich, als viele Menschen große Dosen radioaktiver Strahlung und damit verbundene Krankheiten erhielten.

Keine Kriminalität

In den Köpfen vieler UdSSR-Nostalgiker:innen gibt es einen Mythos, dass das Land der Sowjets die ehrlichste Polizei und die niedrigste Kriminalitätsrate hatte. Tatsächlich war die Kriminalitätsrate in den 1970er Jahren niedriger als in den USA, aber höher als in den meisten europäischen Ländern.

Gleichzeitig hatte die UdSSR die gleichen Probleme mit der öffentlichen Sicherheit wie die übrigen Länder jener Zeit. Es gab auch Maniacs in der Sowjetunion, wie zum Beispiel Andrei Tschikatilo. Verschiedenen Quellen zufolge tötete der Lehrer aus der Region Rostow zwischen 1982 und 1990 46 bis 53 Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder. Tschikatilo vergewaltigte seine Opfer nicht nur, sondern aß sie manchmal auch.

Ein weiterer berüchtigter sowjetischer Pädophiler ist Anatoly Sliwko. Als Organisator einer Gruppe für Kinder aus Familien in schwierigen Lebensumständen genoss er in seiner Stadt in der Region Stawropol unglaublichen Respekt und Autorität. Er rekrutierte Jungen im Alter von 10 bis 15 Jahren für eine angebliche „Geheimmission“, in Wirklichkeit aber erwürgte (manchmal zu Tode) und griff sie sexuell an. Zwischen 1964 und 1985 tötete er sieben Jungen unter 16 Jahren.

Außerdem war zwischen 1982 und 1986 der Maniac Wassilij Kulik, bekannt als „Irkutsker Seelenmörder“, aktiv. Seine Opfer waren Kinder im Grundschulalter und Rentnerinnen. Kulik nutzte seine offizielle Position (er arbeitete als Bezirksarzt) und brach in Wohnungen ein, wo er seine Opfer vergewaltigte und tötete. Insgesamt nahm der Serienmörder 13 Menschen das Leben.

In der UdSSR gab es auch Straßenkriminalität durch Jugendliche. So operierten in den 1980er Jahren in Krywyj Rih jugendliche Banden, die sogenannten „Läufer“, deren Tätigkeit zum Tod von mindestens 30 Menschen führte. In den Vororten von Moskau gab es Jugendbanden von „Ljubern“ (nach dem Namen der Stadt Ljuberzy), die raubten und auf Straßengewalt zurückgriffen. Und in Kasan gab es in den 1970er und 1980er Jahren ein Dutzend jugendlicher Straßengangs, die ohne besonderen Grund Gewalt propagierten. Die bekannteste Gruppe unter ihnen war „Tjap-Ljap“. Neben Massenschlägereien auf den Straßen plünderten diese Banden ihre Ortschaften aktiv und setzten auch Stich- und Schusswaffen ein.

Im sowjetischen Leben gab es auch Fälle von Terrorismus. Zum Beispiel entführten 1988 in Ordschonikidse (heute Wladikawkas) fünf Angreifer einen Bus mit Kindern und forderten, ihnen die Möglichkeit zu geben, aus der UdSSR nach Israel zu fliehen.

Das Bild eines ehrlichen und gerechten sowjetischen Polizisten existiert jedoch nicht ohne Grund in der Erinnerung vieler. Dies ist das Ergebnis sorgfältiger und durchdachter Propagandaarbeit des sowjetischen Innenministeriums. Nikolai Schtscholokow, der langjährige Leiter der Abteilung, zögerte nicht, Filme über ehrliche und faire Profis der sowjetischen Polizei zu finanzieren. Sehr beliebt war damals zum Beispiel die TV-Serie „Ermittlung durchgeführt von Experten“. Auch das traditionell pompöse Konzert zum Tag der Polizei, das im Fernsehen übertragen wurde, festigte das positive Image des sowjetischen Ordnungshüters.

Das Verhalten des sowjetischen Polizisten entsprach jedoch oft nicht der offiziellen Propaganda. Die Willkür der Polizei verursachte oft Unruhen in der UdSSR. Zum Beispiel geschah 1961 ein solcher Präzedenzfall in der Stadt Murom. Damals wurde ein betrunkener Arbeiter einer Fabrik Jurij Kostikow aufgrund seiner eigenen Unüberlegtheit auf der Straße verletzt. Die Polizei brachte ihn zur Polizeistation und ließ ihn ohne medizinische Versorgung, woraufhin er in einer Zelle starb. Ähnliche Fälle im gleichen Jahr gab es in der Stadt Beslan.

Massenaufstände und Selbstjustiz gegen einen Polizisten, der eine Person illegal festgenommen hatte, fanden 1968 in der Stadt Naltschik statt. Und 1972 kam es in Dniprodserschynsk (heute Kamjanske) aufgrund von Unzufriedenheit mit der Polizeiarbeit zu Unruhen. Der Grund war ein Vorfall, bei dem die Fahrlässigkeit der Polizei zum Tod von drei Gefangenen führte.

Eine Kultur der ewiger Werte

Menschen, die gegenüber der UdSSR Nostalgie empfinden, erinnern sich gerne daran, dass das kulturelles Produkt damals immer „voller moralischer Grundwerte“ war, während es jetzt angeblich meist destruktiv und vulgär sei.

Neben den „moralischen Grundwerten“ hatte der sowjetische kulturelle Inhalt jedoch einen propagandistischen Aspekt. Es gab Sonderkunsträte, die die Funktion der Zensur ausübten und die Werke vieler Kunstschaffende zensierten, da sie ihre Arbeit als „ideologisch schädlich“ betrachteten. Es entstanden die Begriffe „den Film aufs Regal stellen“ und „für die Schublade schreiben“. Alle Hinweise auf die ideologisch feindliche westliche Kultur wurden ebenfalls als „schädlich“ angesehen.

Es gibt viele Beispiele für Zensur. Eine Illustration dafür war die Einstellung zu den Kulturschaffenden des ukrainischen poetischen Kinos. Zum Beispiel wurde Sergei Paradschanow, dem Autor vom Film „Feuerpferde“, zunächst lange Zeit verboten, Filme zu drehen, und zwar unter Berufung auf seinen „Mangel an Ideen“. Als schließlich klar wurde, dass Zensur den Regisseur nicht „erzogen“ hatte, wurde er zu fünf Jahren Gefängnis unter Berufung auf fiktive Artikel verurteilt. Der Darsteller der männlichen Hauptrolle im „Feuerpferde“ Iwan Mykolajtschuk erhielt in der sowjetischen Nomenklatur für seine Diskussionen über den Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus den Status „unzuverlässig“. Infolgedessen wurde dem Schauspieler verboten, sich für die Hauptrollen zu engagieren, und die bereits mit ihm gedrehten Filme wurden viel später als geplant veröffentlicht. So wurde der Film „Der verlorene Brief“, der 1972 gedreht wurde, erst acht Jahre später gezeigt.

Ein ähnliches Schicksal hatte auch der Kameramann vom Film „Feuerpferde“ und später der Regisseur Jurij Iljenko. Zum Beispiel stoppte die sowjetische Nomenklatur seine Arbeit „Träumen und leben“ 42 Mal in verschiedenen Phasen der Produktion. Von den zehn Filmen von Iljenko wurden acht von der sowjetischen Regierung verboten.

In der Literatur war die Situation nicht besser. So konnte Lina Kostenko, die 1972 auf die „schwarze Liste“ gesetzt worden war, ihre Sammlung „Über die Ufer des ewigen Flusses“ erst 1977 veröffentlichen. Und ihr Gedichtroman „Marusja Tschuraj“ wurde 1979 sechs Jahre nach dem Schreiben veröffentlicht.

Wenn man der Meinung folgt, dass Kultur eine bestimmte gesellschaftliche Rolle spielt (Werteerziehung, Förderung der Entwicklung und des gewaltfreien Dialogs), dann hat die sowjetische Kultur aufgrund ihrer Entmannung und Zensur eher bequeme Sowjetbürger geformt, die in ideologische Grenzen getrieben wurden, und sie auf diese Weise von der harten Realität abgelenkt.

Eine leckere und gesunde Küche

Einer der amüsantesten sowjetischen Mythen betrifft das Essen. Anscheinend seien alle Produkte in der UdSSR billig und von hoher Qualität, weil sie nach einem einheitlichen staatlichen Standard, auch bekannt als GOST, hergestellt wurden.

Tatsächlich wurden die meisten Gerichte der sowjetischen öffentlichen Verpflegung von amerikanischen Entwicklungen der 1930er Jahre kopiert. Anastas Mikojan, Volkskommissar für die Lebensmittelindustrie, reiste persönlich in die Vereinigten Staaten, um Technologien der Lebensmittelindustrie zu kaufen. Mikojan war ein Spezialist der Lebensmittelindustrie; viele von ihm festgelegten Standards, wie das sowjetische Äquivalent von einem halbfertigen Hamburger-Patty oder Eis, waren wirklich von hoher Qualität. Doch bereits in den 1950er Jahren änderten sich die Standards. Zum Beispiel erhielt das Mikojan-Patty aus Fleisch Brot als Zutat.

Ein weiteres interessantes Prinzip des sowjetischen öffentlichen Verpflegungssystems war die Präferenz für gedämpftes Essen und die Einschränkungen der Verwendung von Gewürzen. Manuil Pewsner, ein Ideologe der sowjetischen Küche, folgte wegen seiner Magenprobleme einer Diät und verpflichtete alle sowjetischen Bürger:innen, ihr ebenfalls zu folgen. Es gab viel Raum, um eine Balance zwischen schmackhaftem und gesundem Essen zu finden, aber niemand schien sich für kulinarische Vielfalt zu interessieren.

Im Allgemeinen erlaubte der sowjetische Standard für Lebensmittel ab den 1950er Jahren die Verwendung vieler chemischer Elemente, hauptsächlich Konservierungsstoffe, Emulgatoren und Farbstoffe. Die legendäre Wurst, die 2 Rubel und 20 Kopeken kostete, wurde mit einer Technologie geräuchert, die schädliche Terpentinrückstände beinhaltete. Darüber hinaus wurden alle sowjetischen Standards für die öffentliche Verpflegung in Schulen, Militäreinheiten, Gefängnissen und medizinischen Einrichtungen seit Stalins Zeiten nicht mehr einer aktualisierten Bewertung unterzogen.

Inmitten der ständigen Nahrungsmittelknappheit war „die Empfehlung an allen Hausfrauen der Sowjetunion“ – die universelle kulinarische Sammlung „Das Buch über die leckere und gesunde Ernährung“ (herausgegeben von Anastas Mikojan) zu nutzen – besonders beleidigend. Die Rezepte erforderten oft knappe Produkte wie frischen Fisch oder Hartkäse oder allgemein nicht verfügbare Waren in den Regalen kleiner Geschäfte wie Zimt, Salami oder Sahne. Unter den Sowjets, die meist minderwertige Produkte und billige Mahlzeiten in den Kantinen ihrer Unternehmen oder Institutionen aßen, galt dieses Buch als interner Witz darüber, wie ihre Ernährung aussehen sollte. Es ist erwähnenswert, dass das Kochbuch zwischen 1939 und 1997 erschien. 19 Jahre später beschloss der Moskauer Verlag, diese vermeintlich universelle Sammlung abermals herauszugeben.

Die Nostalgie für die sowjetische Vergangenheit ist ein Problem nicht nur der Ukraine, sondern auch anderer Länder, die sich im Schoß dieses totalitären Neoimperiums befanden. Diese Nostalgie ruht auf zwei großen Säulen – auf den Erinnerungen an die Jugend, zu der in der Regel alles besser erscheint, und auf den Echos der mächtigen sowjetischen Propaganda, die das Gewünschte als Realität darstellte.

Während der Unabhängigkeit der Ukraine gab es keine umfassende anthropologische oder kulturelle Studie der sowjetischen Realität von den 1950er bis zu den 1980er Jahren, die die bestehenden Mythen und Klischees analysiert oder widerlegt hätte. Es gibt einen Mangel an solchen Inhalten im ukrainischen Informationsraum, weshalb sich die ältere Generation immer noch nach dem vermeintlich besseren sowjetischen Leben sehnt. Erinnerungen, die auf den ersten Blick unschuldig erscheinen, konsolidieren die sowjetischen Mythen im Laufe der Zeit, und was noch wichtiger ist, sie werden zu einer Unterstützung für die Ideen des modernen Russlands, das viele koloniale Praktiken aus dem Land der Sowjets übernommen hat. Solange Russland existiert, wird es versuchen, allen zuvor kolonisierten Völker dieses angeblich schöne gemeinsame Leben, wie es einmal war, wieder aufzuzwingen. Daher ist das Überdenken der Mythen der Sowjetzeit und ihre Entlarvung nicht nur eine nüchterne Bewertung der Geschichte der UdSSR, sondern auch eine Frage der nationalen Sicherheit der modernen Ukraine.

Beitragende

Idee:

Bogdan Logwynenko

Text:

Ihor Kromf

Chefredakteurin:

Anja Jablutschna

Redaktion:

Natalija Ponedilok

Bildredaktion:

Jurij Stefanjak

Übersetzung:

Halyna Wichmann

Redaktion der Übersetzung:

Klaus Wichmann

Contentmanagement:

Anastasija Schochowa