Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg. Besser werden als je zuvor

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Onlinekarten, auf denen Schäden festgehalten werden, Lehrbücher zum Wiederaufbau von Städten, Rehabilitationsprogramme für Soldaten und Abkommen mit Partnerstaaten zur Erneuerung der Infrastruktur: Die Ukraine hat vor, noch besser zu werden als vor dem Krieg, und fängt schon an, daran zu arbeiten.

Wir berichten von den Chancen und Herausforderungen des Wiederaufbaus der Ukraine und schauen uns die Erfahrungen anderer Länder, die einen Krieg überstanden haben, an.

Dokumentation der Kriegsfolgen

Schon seit mehr als acht Monaten vernichtet die russische Armee Objekte der militärischen und zivilen Infrastruktur. Stand 22. August 2022 wurden schon die direkten Zerstörungsschäden von Experten auf über 110 Mrd. USD geschätzt. Und im September wurden vom Umweltschutzministerium der Ukraine Umweltschäden von ca. 1 Bio. UAH genannt. Die gesamten Verluste der Ukraine aufgrund von Zerstörung der Infrastruktur und Vernichtung von wirtschaftlichem Potential belaufen sich auf bis zu 4 Mrd. USD täglich.

Nach den Angaben der Kyjiwer Schule für Ökonomik haben seit dem Beginn der großangelegten Invasion ca. 860.000 Familien ihr Zuhause verloren. Mehr als 40 Millionen qm Wohnfläche wurden zerstört oder beschädigt, dazu Dutzende von Medizin-, Bildungs- und Erziehungseinrichtungen, Einkaufszentren und Tanklager, Kilometer von Autostraßen und Bahnschienen. Neben den direkten Verlusten kommt es auch zu Begleitschäden von Zerstörungen: niedrigeres BIP, Investitions- und Arbeitskraftabgänge, verringerte touristische Attraktivität etc.

Mehrere ukrainische und ausländische Initiativen fixieren die von den Okkupanten zugefügten Schäden mithilfe von speziell erarbeiteten Onlinekarten. Damit werden die täglichen Verbrechen der russischen Okkupanten für die ganze Welt sichtbar. Diesmal wird sich Russland nicht mit Sprüchen wie „wir waren gar nicht da“ rauswinden können.

Eine Reihe von Initiativen ermöglicht es, die zugefügten Schäden sofort festzuhalten. So wurde für die Dokumentation der Zerstörungen in der Ukraine die Plattform „Russland wird bezahlen“ geschaffen. Hier können Schäden inkl. Foto- und Videobeweisen gemeldet werden. Infos über beschädigtes Eigentum können außerdem mithilfe der digitalen App „Dija“ eingereicht werden. Zukünftig können solche Initiativen dabei helfen, Verbrecher zur Verantwortung zu ziehen und Entschädigungen zu erhalten.

Hilfe aus aller Welt

Nach dem Beginn der großangelegten Invasion froren diverse Länder (Kanada, USA, Australien, Großbritannien etc.) die Auslandsvermögen russischer Banken, Oligarchen und Unternehmen, die die Tätigkeit des Kremlregimes unterstützen und/oder finanzieren, ein. Die Gesamtsumme beträgt ca. 1. Bio. USD, ca. 300 Mrd. davon sind die Aktiva der russischen Zentralbank. Dieser Betrag wird sich zukünftig noch vergrößern, u.a. durch Veräußerung von sanktioniertem russischem Eigentum im Ausland. Es gibt Pläne, diese Gelder für den Wiederaufbau der Ukraine zu nutzen.

In sozialen Netzwerken besprechen Ukrainer regelmäßig die Perspektiven des Wiederaufbaus von Ortschaften nach dem Krieg. Schaut man sich solche Beiträge an, wird klar, dass die Gesellschaft nicht nur fest entschlossen ist, die Infrastruktur von Städten und Dörfern wieder aufzubauen, sondern auch über einen klaren Wunsch verfügt, diese noch besser zu gestalten als vor dem großen Krieg. Es gibt aber auch viele Befürchtungen. Zum Beispiel, dass die Ukraine nach dem Ende der Kampfhandlungen keine finanzielle Unterstützung erhält und somit nicht mit einem vollwertigen Wiederaufbau beginnen kann. Doch diese Angst geht allmählich zurück, denn schon in den ersten Monaten der großangelegten Invasion erklärte sich eine Reihe von Ländern bereit, sich am Wiederaufbau der Ukraine zu beteiligen, sei es durch finanzielle oder fachliche Unterstützung.

Im fünften Monat nach dem Beginn des großen Krieges gab die Regierung Estlands ihre mögliche Beteiligung an der Rekonstruktion von 15 Objekten ziviler Infrastruktur in Zhytomyr und der Umgebung bekannt. Unter anderem begannen die Bauarbeiten am zerstörten Kindergarten in der Stadt Owrutsch.

Gespräche über die Teilnahme Dänemarks am Wiederaufbau von Mykolajiw und Umgebung dauern an, es geht um die Erneuerung bestimmter Objekte sowie Zurverfügungstellung von Bautechnik.

Am 17. Juni wurde beim britisch-ukrainischen Summit in London ein Memorandum über die Bereitschaft Großbritanniens zur Beteiligung am Wiederaufbau von Kyjiw unterschrieben. Und am 25. August unterzeichneten die Verkehrsminister beider Länder einen gemeinsamen Handlungsplan zur Wiederherstellung des ukrainischen Verkehrsnetzes. Er sieht finanzielle und fachliche Unterstützung bei der Erneuerung von Eisenbahn, Häfen sowie Flughäfen vor. Außerdem wird Großbritannien der Ukraine mehrere Busse und Ausrüstung zur Reparatur von Strecken mit strategischer Bedeutung für den Getreideexport übergeben. Die Summe der Unterstützung beläuft sich auf ca. 4 Mrd. GBP. Zudem haben auch die Regierungen von Polen, Tschechien, Italien, Griechenland, Japan und anderen Ländern den Wunsch geäußert, beim Wiederaufbau einzelner Städte zu helfen.

Zusätzlich unterschrieb der Präsident der Ukraine am 15. Juni eine Anordnung zur Gründung des Nationalrats für den Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg. Auch Teams ukrainischer Architekten bleiben nicht untätig. So hat das Architekturbüro AIMMenergy eine Online-Plattform gestartet, wo nach Lösungen für die Erneuerung zerstörter Gebäude gesucht wird. Hier werden Ideen zu Neubau und Rekonstruktion von Gebäuden unter Berücksichtigung moderner Technologien für Energieeffizienz und ökologisch Bauweise veröffentlicht sowie Informationen über vielfältige Projekte für den Nachkriegsaufbau der Ukraine gesammelt.

Einige ukrainische Organisationen arbeiten bereits an Vorschlägen zur Rekonstruktion einzelner Gebäude. Zum Beispiel hat die Firma loft biuro einige Entwürfe für den Wiederaufbau der Mykolajiwer Regionalverwaltung, die Ende März durch die russische Armee zerstört wurde, eingereicht. Auch wurde eine spezielle Arbeitsgruppe eingerichtet, die gemeinsam mit der Architekturkammer der Nationalen Vereinigung der Architekten der Ukraine neue Standards für Wohnungsbau erarbeiten soll, welche die Erfahrungen aus dem großen Krieg berücksichtigen. Gleichzeitig kreieren Stadtforscher Leitfäden für den Wiederaufbau von Städten.

All das macht deutlich, dass die Einstellung „irgendwann nach dem Sieg“ nichts für die Ukraine ist. Ukrainer tun bereits jetzt alles Mögliche und Unmögliche. Eine Reihe staatlicher und ehrenamtlicher Initiativen befassen sich mit Reparatur und Neubau der durch die Okkupanten beschädigten Gebäude. Darunter sind auch modulare Häuser, die als vorübergehende Unterkunft für diejenigen dienen sollen, die ihr Zuhause wegen des großangelegten Krieges verloren haben.

Warum sind Europas Nachkriegserfahrungen wichtig für die Ukraine?

Einige Länder wie Polen, Deutschland und Niederlande erlebten nach Kriegsende ein sog. posttraumatisches Wachstum, d.h. es ist ihnen nicht nur gelungen, die vorhandenen Schwierigkeiten zu überwinden, sondern auch den Lebensstandard im Vergleich zum Vorkriegsniveau zu erhöhen. Ihre Erfahrungen der Nachkriegsentwicklung könnten der Ukraine dabei helfen, ihre Infrastruktur schneller zu erneuern und zum normalen Leben zurückzukehren.

Es ist wichtig zu betonen, dass der Nachkriegsaufbau nicht in allen europäischen Ländern gleichermaßen erfolgreich war. Doch gerade die Analyse der Fehler der Vergangenheit wird Ukrainern dabei helfen, diese zu vermeiden und alle Risiken einzukalkulieren. So kam es in Bosnien und Herzegowina nach dem Ende des Bosnienkrieges (1992-1995) zu keinem nennenswerten ökonomischen Wachstum, trotz finanzieller und anderweitiger Hilfen anderer Länder, die dem Staat dabei helfen wollten, sich zukünftig in Europa zu integrieren. Als wesentliche Fehler wurden damals der Mangel einer generellen Entwicklungsstrategie, fehlende zentrale Steuerung der Rekonstruktionsprogramme, doppelte Arbeit unterschiedlicher Organisationen, ungenügende Managementfähigkeiten der Regierungsorgane etc. genannt.

Bosnienkrieg
Der Bosnienkrieg war ein internationaler militärischer Konflikt auf dem Gebiet von Bosnien und Herzegowina, mit Serbien und Montenegro als einer, Republik Bosnien und Herzegowina als zweiter und Kroatien als dritter Konfliktpartei.

Für ein Land, das sich im Nachkriegsaufbau befindet, sind Überwachung und Kontrolle der auf die Industrieentwicklung gerichteten Geldflüsse von hoher Bedeutung. Die Konzentration der Mittel in den Händen eines einzigen Konzerns oder Firma, die nur auf eigene Gewinne bedacht ist, sollte damit vermieden werden. Ähnlich lief es in Italien nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dort landete ein großer Teil des Finanzvermögens bei Großunternehmen und einzelnen Klans, was die wirtschaftliche Entwicklung verlangsamt hat.

Die Ukraine wird eine ganze Reihe sozialer Fragen klären müssen, darunter die der Kompensationen für Geschädigte. Das betont nochmals die Bedeutung der rechtzeitigen Dokumentation und Bewertung der durch die Feinde angerichteten Schäden. Natürlich wird es auch hier nicht ganz ohne internationale Finanzhilfe gehen. Bislang kann man nur erahnen, ob es einen neuen „Marshallplan“, vergünstigte Kredite oder Kompensationen vom Aggressorstaat geben wird. Was die letzteren angeht, hat die Ukraine noch einen weiten Weg vor sich. Es sind verschiedene Varianten vorstellbar: von freiwilligem Einverständnis Russlands, Reparationen (der Aggressorstaat leistet für die in dem durch ihn begonnenen Krieg angerichteten Schäden volle oder anteilige Entschädigung – Red.) zu leisten bis hin zur Beschlagnahme der eingefrorenen Aktiva des Aggressorstaates durch internationale Gerichte. Man sollte beachten, dass solche Gerichtsprozesse Jahre dauern können. Unter anderem müsste für Entschädigungen aus dem Auslandsvermögen Russlands und Belarus jedes Land, das über solche Aktiva verfügt, eine Gesetzgebung schaffen, um diese an die Ukraine auszahlen zu können.

Marschallplan
Wirtschaftliches Hilfsprogramm der USA für europäische Länder nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Umsetzung erfolgte von April 1948 bis Juni 1952.

Die Gesamtstrategie für den Wiederaufbau und die Entwicklung des Landes muss zudem den Vorgaben entsprechen, die für den EU-Beitritt vorausgesetzt werden, denn am 23. Juni hat die Ukraine endlich den langersehnten Kandidatenstatus erhalten. Programme und Strategien zum Nachkriegsaufbau der Ukraine müssen durch eine zentrale Stelle koordiniert werden, deren Tätigkeit wiederum unter Einbeziehung von internationalen Partnern und Experten überwacht werden sollte.

So war einer der auf der am 4. und 5. Juli in Lugano durchgeführten Internationalen Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine besprochenen Punkte die Gründung einer staatlichen Entwicklungsbank. Diese Idee ist nicht neu und kann nach dem Vorbild ähnlicher Institutionen, die in Ländern Europas nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv waren, umgesetzt werden. Der Hauptzweck einer solchen Bank ist die Kontrolle von Geldzuflüssen und das Verhindern einer missbräuchlichen Verwendung der Mittel. Zudem kann eine solche Bank eine wichtige Rolle bei der Erneuerung der Wirtschaft des Landes spielen, indem sie Kredite an Projekte mit strategischer Bedeutung vergibt, die für gewöhnliche Banken oder Investoren zu riskant sein könnten. Eine solche Schlüsselrolle spielte in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg die KfW, die immer noch eine der erfolgreichsten staatlichen Banken darstellt.

KfW-Bank
Staatliche Förderbank der BRD, die kleine und mittlere Unternehmen unterstützt, soziale Infrastruktur finanziert und sich weiterhin mit Export-, Projekt- und Refinanzierung befasst.

Wirtschaft und Industrie fördern

Der große Krieg hat der ukrainischen Wirtschaft einen spürbaren Schlag versetzt. Im dritten Monat nach der großangelegten Invasion allein betrugen die Schäden 100 Mrd. USD, was ca. 50% des gesamten BIP der Ukraine von 2021 entspricht.

Eine gelungene Lösung für den Wiederaufbau des Landes stellt die Integration der ukrainischen Wirtschaft in das EU-Wirtschaftssystem dar. Helfen können dabei vielfältige europäische logistische und infrastrukturelle Projekte. So wie z.B. die Einbeziehung ukrainischer Logistikrouten (via Auto, Eisenbahn, Luft und Wasser) in die europäischen Logistiknetzwerke im Rahmen des TEN-T Programms (die ukrainischen Logistikrouten wurden von der EU-Kommission im Juli 2022 zu den indikativen Karten des Projektes hinzugefügt), Rekonstruktion vorhandener sowie Eröffnung zusätzlicher Grenzübergänge zu EU-Ländern, Übergang auf den europäischen Gleisstandard usw. (Die weltweit verbreitete Standardbreite von Gleisen beträgt 1.435 mm, während die ukrainische Eisenbahn derzeit nur über einige solcher Abschnitte, meist in Grenznähe verfügt. Der Rest der Gleise hat eine Breite von 1.520 mm. –Red.). Solange die Kampfhandlungen andauern, führen die Ukraine und die EU-Länder Verhandlungen über die Liberalisierung des Lastwagentransits aus der Ukraine nach Europa, die Eröffnung von „Solidaritätsstrecken“ für den Getreideexport sowie den Import von notwendigen Gütern, Unterstützung des ukrainischen Warenexports über europäische Häfen etc. All diese Errungenschaften werden auch nach dem Kriegsende aktuell bleiben.

TEN-T
Aus dem Englischen: Transeuropäische Transportnetzwerke. Ein Infrastrukturprojekt der EU, mit dem Ziel eine durchgehende Verbindung europäischer Länder via Autostraßen, Eisenbahn, Flughäfen und Wasserwege zu schaffen.

Die russische Armee beschießt gezielt ukrainische Unternehmen unterschiedlicher Branchen und Größen. Zum Glück konnten viele Unternehmen ihre Ausrüstung und Rohstoffe bzw. Fertigware evakuieren und können ihre Arbeit fortsetzen. Doch einige waren gezwungen, die Produktion ganz oder teilweise zu stoppen: die Asowstal und Iljitsch Eisen- und Stahlwerke in Mariupol, das Flugzeugbauunternehmen Antonow in Kyjiw, die Ölverarbeitungsfabrik in Krementschuk, das Gasturbinenbauwerk Sorja-Maschprojekt in Mykolajiw etc.

Foto: Anton Scheweljow

Derzeit ist es sehr schwierig, die Verluste durch die Zerstörung dieser Unternehmen genau zu beziffern, doch die Folgen werden nicht nur für die Ukraine, sondern auch für den Rest der Welt spürbar sein. So hat das Asowstal-Werk, das mit dem Beginn der großangelegten Invasion zum Vorposten der Verteidigung von Mariupol wurde, jährlich Millionen Tonnen Gusseisen, Stahl und Walzmetalle (wovon einige Arten nur hier produziert wurden) hergestellt. Das Werk bot den Einwohnern von Mariupol über 12.000 Arbeitsplätze. Zuletzt gab es bei Asowstal im Jahr 1941 einen Vollstopp der Produktion aufgrund des Krieges gegen Nazideutschland, 1943 wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Im April 2022 wurde das Werk durch die russische Armee bombardiert und praktisch vollständig zerstört.

Ebenfalls infolge der russischen Aggression stoppte das staatliche Unternehmen Artemsil die Produktion. Daraufhin kam es in der Ukraine kurzzeitig zu einem Salzdefizit, denn es handelte sich hierbei um den landesgrößten Salzhersteller, welcher sowohl für das Inland als auch für das Ausland produzierte.

Auch Korea sollte im Kontext der Industrieerneuerung nach Kriegsende betrachtet werden. Nach dem Ende des Koreakrieges (1950-1953) festigte sich die Teilung des Landes in einen Süd- und einen Nordteil. Vor dem Krieg hatte die Industrie in Nordkorea einen höheren Entwicklungsstand, nach dem Krieg war der Südteil jedoch gezwungen, sich allmählich auf den Export umzustellen sowie in Technologie und Wissenschaft zu investieren. Finanzielle Unterstützung der USA hat es der südkoreanischen Wirtschaft ermöglicht, sich zu erholen, obwohl diese Entwicklung nicht allzu schnell vor sich ging.

Koreakrieg
Militärischer Konflikt zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea und Republik Korea.

Ähnlich entwickelte sich auch Japan nach dem Zweiten Weltkrieg. In diesem Fall nahmen die USA das besiegte Land in ihre Obhut: sie bekämpften lokale Oligarchen und bemühten sich um die Entwicklung eines freien Marktes. Einer vollwertigen Entwicklung des Landes gingen diverse Land- Steuer- und Arbeitsmarktreformen voraus.

Eine wichtige Voraussetzung für eine vollwertige Nachkriegsentwicklung der Ukraine könnte die Stärkung der lokalen Produktion werden: Mindestens 60% der Güter sollen zukünftig innerhalb des Landes hergestellt werden. Dieser Punkt ist in dem im Mai 2022 vom Fachausschuss der Werchowna Rada beschlossenen Aufbauplan festgehalten worden. Der Plan ist auf die Dauer von 10 Jahren ausgelegt und hat die verstärkte Europaintegration sowie Unterstützung privater Unternehmen zum Ziel.

Wiederaufbau als Verbesserungschance

Nicht nur Wohnhäuser werden wiederholt zum Ziel der russischen Armee, sondern auch kulturelle und religiöse Stätten, Architekturdenkmäler, Landschaftsschutzgebiete etc. Doch der Wiederaufbau könnte zu einer guten Chance für die Ukraine werden, sich von ineffektiven oder veralteten sowjetischen, aber auch zeitgenössischen Planungspraktiken des öffentlichen Raums zu lösen, indem sowohl das geschichtliche Erbe als auch der moderne Kontext berücksichtigt werden: reelle Bedürfnisse der Bewohner, Besonderheiten der Landschaft, Ökologie und Ästhetik.

Es gibt viele Beispiele dafür, wie durch einen Krieg zerstörte Städte nach dem Aufbau noch besser wurden als zuvor. Das sieht man deutlich an wiederaufgebauten Städten mit reichem Architekturerbe, wie Warschau oder München, an Rekonstruktionen mit Neuplanung, wo historische Architektur harmonisch durch die moderne ergänzt wurde, wie in London und Köln oder an der „Wiederbelebung“ von Industriestädten mit wenig Geschichts- und Architekturerbe, wo der Fokus auf der Wiederherstellung der Wirtschaftskraft lag, wie in Dortmund.

Das Berücksichtigen von Risiken und Misserfolgen anderer Länder wird der Ukraine dabei helfen, den Herausforderungen des Wiederaufbaus besser zu begegnen, sowohl während des großen Krieges als auch nach seinem Ende. Als anschauliches Beispiel für eine nicht besonders erfolgreiche Erneuerung nach dem Krieg kann Sarajevo, die Hauptstadt Bosnien und Herzegowinas, nach dem Bosnienkrieg 1992-1995 dienen. Die Regierung beging einen Fehler, indem sie keine zentrale Koordinationsplattform für die der Stadt helfenden Organisationen eingerichtet hat. Trotz wesentlicher Investitionen – Geberkonferenzen, die von der Weltbank und der EU organisiert wurden, haben von 1996 bis 2002 ca. 5,1 Mrd. USD für diverse Projekte gesammelt – begrenzte sich der Wiederaufbau von Sarajevo im Grunde auf Schönheitsreparaturen. Dabei wurden allein für die Rekonstruktion der National- und Universitätsbibliothek in Sarajevo, die ein Symbol der Stadt und des ganzen Landes ist, 850.000 USD verwendet. Wegen dieser Fehler besteht die Stadt immer noch aus einer Reihe bizarrer Stadtteile, die teilweise dicht mit Hochbauten bebaut sind. Zu den typischen Problemen des modernen Sarajevos zählen Überbevölkerung, Staus und Umweltbelastung.

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Für Stadtplaner (insbesondere ausländische), die am Wiederaufbau ukrainischer Ortschaften teilnehmen werden, ist es wichtig, die Besonderheiten des ukrainischen Stadt- und Landlebens zu beachten. Da sich diese stark unterscheiden, können bestimmte Lösungen nicht für alle Gemeinden gleichermaßen gut funktionieren. Es ist daher von hoher Bedeutung, zu verstehen, wie und wovon ein Ort lebt. Hierfür wird eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit den örtlichen Gemeinden benötigt.
In einigen Fällen sollte auch die Zweckmäßigkeit der Rekonstruktion konkreter beschädigter oder zerstörter Gebäude in Frage gestellt werden. Die Ukraine verfügt über eine Menge veralteter sowjetischer Relikte, z.B. Brücken, Fabriken, Kurhäuser etc. Ihr Unterhalt ist teuer und nicht immer sinnvoll. Auch sollte die sowjetische Praxis, Städte rund um ein Industrieobjekt herum zu bauen, überdacht werden, da diese nach der Schließung der Fabrik oder des Werkes oft zu Geisterstädten wurden (z.B. Orbita, Zukrowariw, Stepnohirsk, Teplodar etc.). Jetzt hat die Ukraine die Chance, sich von diesem Paradigma zu lösen.
Wie Beispiele aus europäischen Städten zeigen, kann man, anstatt einen ehemaligen Flugplatz aus Ruinen wieder aufzubauen, in die Entwicklung einer schnelleren Bahnverbindung investieren. So erhalten Passagiere die Möglichkeit, schnell die notwendigen Strecken zu bewältigen und bei Bedarf komfortabel den Flughafen in der nächstgelegenen Großstadt zu erreichen. Anschauliche Beispiele hierfür sind europäische Länder mit gut ausgebautem Schienennetz, so wie Österreich, Deutschland, Italien oder Frankreich. Flughäfen liegen in diesen Ländern oft weit von den Großstädten entfernt, sind aber gut mit der Bahn erreichbar. So sind u.a. die internationalen Flughäfen Beauvais-Tillé (Paris), Memmingen (München), Köln-Bonn, Leipzig-Halle etc. eingerichtet. Gleichzeitig ermöglichen Streckennetze von Schnellzügen alternative Fortbewegungsmöglichkeiten für Passagiere.

Die wohl größte Herausforderung für die Ukraine bleiben aber immer noch die feindlich gesinnten Nachbarländer (Russland und Belarus), die sich unvorhersehbar verhalten können. Man wird sich mit ihnen auch weiterhin die Grenzen teilen müssen, daher werden Themen wie ausreichende Anzahl von Luftschutzkellern, widerstandsfähige Baukonstruktionen, Schaffen von natürlichen Barrieren wie Hügeln, Kanälen und Flüssen sowie strategische Planung bei der Positionierung von Militär- und Lagerobjekten noch lange relevant bleiben. Vom Erfolg ihrer Umsetzung werden nicht nur das Aussehen und der Komfort von Wohngebieten, sondern auch die Sicherheit der Ukrainer abhängen. Die Regierung hat im Juli 2022 u.a. ein Gesetz über die Notwendigkeit der Einrichtung von Luftschutzräumen bei Neubauten erlassen.

Bürger zur Rückkehr bewegen

Der Wiederaufbau des Landes umfasst nicht nur die Rekonstruktion physischer Objekte. Schon jetzt mangelt es in der Ukraine an qualifizierten und erfahrenen Mitarbeitern, und nach dem Sieg wird das Problem noch dringender werden. Daher sollte die Regierung alles dafür tun, dass Ukrainer in ihrem eigenen Land in Würde leben können, und nicht im Ausland.

Nach unterschiedlichen Angaben beträgt die Anzahl der Ukrainer in EU-Ländern ca. 5,5 bis 7 Mio. Ungefähr 3 Mio. befanden sich wegen Arbeit oder Ausbildung schon vor dem Beginn des großangelegten Krieges im Ausland. Laut der Befragung der soziologischen Organisation „Rating“ haben 90% der ukrainischen Bürger nicht vor, das Land dauerhaft zu verlassen. Jedoch sieht nur die Hälfte der befragten Ukrainer die Zukunft ihrer Kinder im Heimatland, falls die Gefahrenlage weiterhin andauern sollte, so die Ergebnisse einer Umfrage des Internationalen Instituts für Soziologie in Kyjiw.

Seit April 2022 übersteigt die Anzahl der Rückkehrer in die Ukraine die Zahl derer, die das Land verlassen. Gründe dafür sind u.a. der Wunsch, nach Hause zurückzukehren, das Gefühl, dass die Heimatregion sicherer geworden ist, etc. Manche kehren zurück, weil sie keinen Wohnraum oder Arbeit im Ausland finden konnten. Doch andere bleiben wiederum in anderen Ländern. Soziologen nennen unterschiedliche Zahlen: 5 bis 10% aller Ausgereisten. Diese Menschen werden vermutlich auch weiterhin im Ausland bleiben.

zur Rückkehr in ihre Heimat zu animieren: Mit EU-Ländern wird über die Möglichkeit verhandelt, Flüchtlinge für eine bestimmte Dauer nach der Rückkehr finanziell zu unterstützen. Auch werden zusätzliche finanzielle Anreize für die Einstellung von Ukrainern in Berufen, die den Wiederaufbau unterstützen, sowie ein vorübergehendes Basiseinkommen für Rückkehrer diskutiert. Einige dieser Punkte sind bereits im Plan für den Wiederaufbau der Ukraine berücksichtigt.

esondere Aufmerksamkeit benötigt auch die Rehabilitation derjenigen, die im Land geblieben sind: psychologische Adaptation der Veteranen und ihre Teilhabe am friedlichen gesellschaftlichen Leben, Rehabilitation von Menschen mit Kriegsverletzungen und PTBS, Unterstützung von Binnenflüchtlingen etc.

Seit dem Beginn des russischen Krieges im Jahr 2014 hat die Ukraine bereits einige Erfahrungen bei der militärischen Rehabilitation gesammelt. Es sind mehrere Organisationen aktiv, die rechtliche, soziale und psychologische Hilfe für Militärangehörige und ihre Familien anbieten, sich mit medizinischer Reha und beruflicher Umqualifizierung befassen sowie bei Weiterbildung und Reintegration in die Gesellschaft helfen. Dies sind unter anderem Wohltätigkeitsprogramme der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, „Caritas Ukraine“, öffentliche Einrichtung „Pobratymy“, Wohltätigkeitsfond „Internationale Vereinigung für Unterstützung der Ukraine“, Fond für kompetente Armeehilfe „Come Back Alive“ etc.

Eine Reihe von medizinischen Rehazentren und Einrichtungen für psychische Gesundheit bieten Militärangehörigen mit Unterstützung der Regierung kostenlos oder vergünstigt Hilfe an. Auch ausländische Programme für Behandlung und Reha sind verfügbar. Diese Möglichkeit haben ukrainische Kämpfer bereits in Litauen und den Niederlanden genutzt. Bald sollen ähnliche Programme und Rehazentren auch in Norwegen und Deutschland eröffnen. Verhandlungen darüber begannen im vierten Monat nach dem Beginn des großangelegten Krieges.

Für Zivilisten gibt es ebenfalls verschiedene Angebote für psychologische Hilfe und Beratung. Sie sind sowohl in mehreren Regionen der Ukraine als auch im Ausland verfügbar. Viele davon sind kostenlos oder bieten ihre Leistungen zu symbolischen Preisen an. Psychologische Zentren und Unterkünfte für Binnenflüchtlinge, Menschen mit Behinderungen, LGBTQIA+ Personen etc. werden eingerichtet.

LGBTQIA+
Abkürzung der englischen Wörter Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Intersexual, Asexual etc.

Beim Wiederaufbau der Infrastruktur der Ukraine und der Rückkehr ihrer Bürger zu einem normalen Leben handelt es sich um einen langwierigen und komplexen, aber durchaus zu realisierenden Prozess. Schon jetzt stehen die Ukrainer zusammen und erhalten zudem viel Unterstützung von der Weltgemeinschaft. Die Erforschung der vorhandenen Erfahrungen beim Nachkriegsaufbau anderer europäischer Staaten wird dem Land dabei helfen, den Aufbau- und Verbesserungsprozess reflektierter anzugehen. Wichtig ist dabei, dass dieser Prozess bereits begonnen hat, während der russisch-ukrainische Krieg noch andauert. Und er wird auch nach dem Sieg der Ukraine weitergehen, denn Ukrainer sind fest entschlossen, ihr Land trotz aller Bedrohungen aufzubauen.

Beitragende

Idee:

Bogdan Logwynenko

Text:

Andrij Schestaljuk

Chefredakteurin:

Anja Jablutschna

Redaktion:

Iwanka Switljar

Bildredaktion:

Jurij Stefanjak

Übersetzung:

Olena Saltuk

Contentmanagement:

Anastasija Schochowa