Weit und breit nur Poljuchowytschs

Menschen
Polissja
28 November 2018 22:59
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Ein auf den ersten Blick ganz gewöhnlicher Ort Sernyky, gelegen in der Region Polissja, kann jeden verwundern, der dorthin gelangt. Der Haken liegt darin, dass die meisten Einwohner hier den selben Familiennamen tragen. Dennoch sind sie nicht verwandt, oder zumindest kennt niemand mehr diese familiären Beziehungen. Außerdem haben die Einwohner trotz des gesellschaftlichen Fortschritts und heutiger Realien die altertümliche soziale Differenzierung in die Unter – („Muzschyky“) und Oberschicht („Schlachta“).

Geschichte

Das malerische Dorf Sernyky liegt an zwei Ufern des Flusses Stubla umgeben von Wäldern, durch die eine Straße zur nächsten Kreisstadt führt.

Die hiesigen Einwohner leben in hübschen Häusern und halten ihr Dorf für ziemlich fortschrittlich. Hier gibt es einige Läden, einen Pub, eine Schule, einen Kindergarten, eine Bibliothek, eine Bankabteilung, ein Café und zwei Clubs.

Der Geschichtslehrer Pawlo Horbatschewskyj ist ein gebürtiger Einwohner von Sernyky. Er arbeitet schon seit 41 Jahren in der Schule. In dieser Zeit hatte er zweimal das Amt des Schulleiters inne.

Pawlo erzählt, dass diese Gegend schon immer ein Grenzgebiet war. Noch zu den Zeiten des Großfürstentums Litauen befand sich dieser Teil von Polissja auf der Grenze von zwei Fürstentums – des Wolhynier und des Turowo-Pinsker. Heute liegt fünf Kilometer vom Dorf entfernt die Grenze zwischen der Ukraine und Weißrussland.

Nach der Unterzeichnung der Union von Lublin 1569 wurde dieses Gebiet Teil der Rzeczpospolita. Laut dem Historiker entsandte die polnische Königin Bona einen Wächter namens Dmytro Poljuchowytsch hierhin um ihren Besitz zu beschützen. Er siedelte sich hier an und erhielt das Besitzrecht über dieses Landstück. Dmytro kam mit drei Brüdern hierher, die ihm bei der Verwaltung halfen. Pawlo erklärt, es wären die ersten Poljuchowytsch in diesem Gebiet.

Der Lehrer erzählt, es gebe mehrere Versionen der Entstehung des Ortsnamens. Die erste basiert auf einer Legende darüber, wie die Königin Bona sich entschied einen Blick auf ihren Besitz zu werfen:

— Das ist beinahe schon aus dem Bereich der Fantastik. Sie kam aus der Richtung von Dubrovytsi und auf einmal gefiel ihr etwas, so sagte man: das ist Solote (ukr. „das Goldene“). Das andere nannte man Samorotschenije (ukr. abgeleitet von „in Ohnmacht fallen“) — es soll ihr schwindlig geworden sein, als sie dort vorbeifuhren. Das dritte wurde Swarytsewytschi genannt (ukr. abgeleitet von „sich streiten“), da dort Frauen angeblich laut gestritten haben. Und so kamen sie nach Sernyky, wo die Königin mit Käse (ukr. „Syr“) verwöhnt wurde. Und eine andere Version besagt, dass hier eine Wildziege (ukr. „Sarna“ oder „Serna“). So ist es bis heute nicht geklärt, woher die Bezeichnung des Ortes stammt.

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Muzschyky und Schlachta

Die Königin gab Dmytro und seinen Brüdern einen Adelstitel. Sie hatten ihr eigenes Wappen, welches das Wappen des heutigen Sernyky ist. Ihre Töchter heirateten andere Adelige, auf diese Weise formierte sich die hiesige Oberschicht.

Die Poljuchowytschs und diese Oberschicht lebten auf dem rechten Ufer des Flusses. Pawlo erklärt, dass als Schlachta auch diejenigen bezeichnet wurden, die zu Zeiten des russischen Imperiums nicht Leibeigene gewesen sind.

Die meisten Leibeigenen wohnten auf dem linken Ufer des Flusses Stubla. Bis 1861 gehörten sie einem Leibherren, der im Ort Wytschiwka lebte. Der Historiker sagt, die damalige Unterteilung sei obligatorisch gewesen — die einzigen Unterschiede zwischen der Ober- und Unterschicht sei der Alltag und die Aussprache gewesen. So sprechen die Einwohner von Sernyky nach wie vor zwei unterschiedliche Dialekte — auf dem linken Ufer sagt man «Lozschkiju», «Myskiju», und auf dem anderen — «Lozschko», «Mysko» (ukr. „mit dem Löffel“, „aus der Schüssel“). Die Differenzen zwischen den Einwohnern waren einst spürbarer, doch die Zeit verwischt diese Grenzen:

— Sie haben sich durch die Tagesabläufe unterschieden. Durch ihren materiellen Besitz haben sich die Schlachta und die ehemaligen Untergebenen, die von der Schlachta Muzschyky genannt wurden, nicht unterschieden. Es war eine beleidigende Bezeichnung für sie, doch sie nannten ihrerseits die Bewohner des rechten Ufers „Kundeli“ (Obdachlose Wachhunde – Aut.). So gab es Beleidigungen für beide Seiten.

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Es gab auch eine Zeit als unter den Einwohnern ein besonderer „Krieg“ geführt wurde:

— Wenn die Schlachta einen Muzschyk fasste, brachten sie ihn zur Brücke, gaben ihm ein Streichholz und ließen damit die Brücke ausmessen. Es gab auch andere Strafen, auch handgreiflich ist man zum Teil geworden. Das gleiche hat auch einen Vertreter der Schlachta erwartet, wenn er den Muzschyki in die Hände fiel.

Das Dorfoberhaupt Wassyl Poljuchowytsch erzählt, dass die geschichtliche Unterteilung der Einwohner bis heute erhalten geblieben sei. Wegen der Bezeichnung «Muzschyk» fühlen sich die Einwohner jedoch nicht mehr beleidigt und leben im Großen und Ganzen friedlich:

— Letztens haben wir sechseinhalb Tonnen Kartoffeln für die Bedürfnisse des Krankenhauses und des Altersheimes geerntet. Keiner blieb von diesem Prozess fern, weder die Schlachta noch die Muzschyki. Alle haben friedlich zusammen diese Kartoffeln geerntet. Das Dorf ist also vereint.

Der Ortsteil, wo einmal die Oberschicht lebte wurde „Mestetschko“ genannt (ukr. „das Städtchen“). Pawlo sagt das rechte Ufer habe tatsächlich eine Zeit lang den Status einer Stadt gehabt. Das linke Ufer nennen die Einheimischen Neues Dorf. Dort leben größtenteils Kostjukowytschs und Partschuks.

Die meisten Muzschyky sind Angehörige der Pfingstbewegung (Teil des Protestantismus — Aut.). Auf dem linken Ufer haben sie ihre eigene Kirche und behalten ihre Regeln:

— Es gab manchmal Fälle, dass er der Pfingstbewegung angehört und sie christlich ist, aber auch sie heirateten einander. Sie nahm dann einfach seinen Glauben an.

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In Sernyky gibt es auch eine alte orthodoxe Kirche aus Holz, die von allen Einwohnern besucht wird. Sie wurde 1821 erbaut. Pawlo erzählt, dass die Kirche zu Sowjetzeiten niedergebrannt werden sollte:

— Das haben die damaligen Kommunisten geplant. Übrigens einer von ihnen, (wie paradox!), der die Kanister vorbereitet hatte und die Kirche anzünden sollte, hat später in der Zeit der Unabhängigkeit einen kirchlichen Orden erhalten. Paradox, ist aber wahr.

Poljuchowytschs

Eine weitere Besonderheit von Sernyky ist, dass die meisten Einheimischen den Familiennamen Poljuchowytsch tragen. Viele sind sogar nicht einfach nur Namensvetter, sondern haben identische Vor- und Nachnamen.

Wassyl sagt, dass bis 1976 neunzig Prozent der Einwohner den Namen Poljuchowytsch hatten. Heutzutage tauchen im Dorf nach und nach neue Familiennamen auf, einige sind angeheiratet, einige zugezogen. Die Einheimischen sind deswegen nicht verärgert, sie begrüßen neue Einwohner:

— Um Gottes willen! Was sagen Sie da, sie sollen zu uns kommen. Wir freuen uns immer auf nette Menschen.

„Iwans“ gibt es unter den Poljuchowytschs am meisten. Früher war dieser Vorname sehr beliebt im Dorf, doch die Beliebtheit der Namen änderte sich mit der Zeit:

Ich bin am 23 Mai geboren, vor dem Namenstag des Mykola. Und mein Vater war beruflich unterwegs. Meine Mutter wollte mich Mykola nennen, passend zu dem religiösen Tag, aber der Vater gab von dort eine Rückmeldung: «Ich gratuliere zur Geburt des Sohnes Wassyl». Da der Vater meines Vaters Wassyl hieß. So nannte mein Cousin seinen ersten Sohn auch Wassyl. Meine Eltern haben vier Geschwister und jedes hat ein Kind mit dem Vornamen Wassyl. Nicht unbedingt das erste Kind, aber es gibt jeweils einen Wassyl. Ich sage es euch, und so ist es im ganzen Dorf.

Bei den vergangenen Wahlen gab es sieben Kandidaten auf den Posten des Vorstands des Dorfrates – fünf davon hießen Poljuchowytsch. Außerdem besitzen 20 Abgeordnete des Dorfrates von Sernyky den Namen Poljuchowytsch.

In der Schule ist die Lage ähnlich. Unter allen Schülern gibt es nur vier mit einem anderen Namen. Um ihre Schüler zu unterscheiden bekommen sie von den Lehrern Namen wie Poljuchowytsch Dmytro der Erste oder Poljuchowytsch Oleksandr der Zweite:

— Ja, Oleksandr der Erste, so bringe ich es ihnen bei: Sascha der Erste, Sascha der Zweite. So feine Namenslisten haben wir.Die Mehrheit der Lehrer, der Schulleiter und die Krankenschwester der Schule haben auch den Namen Poljuchowytsch.

Die Einwohner von Sernyky sagen sie schämen sich nicht für die gleichen Namen. Genau das Gegenteil ist der Fall, es sei die Besonderheit ihres Dorfes. Sie sind freundliche zu den neuen Einwohnern von Sernyky und freuen sich auf jeden, der hierherkommt.

BeitragendeText:Jana KonykText:Bohdan LohwynenkoRedaktion:Tetiana RodionowaProduktion:Olha SchorFoto:Serhij KorowajnyjVideo:Pawlo PaschkoVideo:Oleh SolohubSchnitt und Regie:Mykola NossokBildredation:Oleksandr ChomenkoTranskription:Olha SaweratschÜbersetzung:Pjotr Hiebert

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