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Am vierten Tag der russischen Invasion veröffentlichten die ukrainischen Medien die erschütternde Nachricht, dass die russischen Besatzer das Geschichts- und Heimatmuseum in Iwankiw zerstört haben, in dem sich die Gemälde von Marija Prymatschenko, der weltbekannten Vertreterin der Naiven Kunst, befanden. Die Geschichte hat jedoch eine unerwartete und erfreuliche Wendung genommen: Die Einheimischen haben unter Einsatz ihres Lebens einige Werke der talentierten Künstlerin gerettet.

Russland, das seit 1954 Mitglied der UNESCO ist, hat das kulturelle Erbe der Ukraine während des Krieges absichtlich und systematisch zerstört. Sie zerstören sogar Kulturdenkmäler, die angesichts der Narrativen, von denen sich die Russen leiten lassen, eigentlich verehrt werden sollten — zum Beispiel Kirchen der russisch-orthodoxen Kirche oder Denkmäler für Soldaten des Zweiten Weltkriegs. In fast zwei Monaten der Konfrontation haben die Besatzer mehr als 160 Kulturstätten zerstört oder beschädigt, und das sind nur die dokumentierten Fälle.

Viele Menschen waren besorgt über das Schicksal des Geschichts- und Heimatmuseums im Dorf Iwankiw, nordwestlich von Kyjiw, in dem die Gemäldesammlung von Marija Prymatschenko (1909–1997) aufbewahrt wurde. Sie arbeitete im Stil der naiven Kunst (Primitivismus) und schuf im Laufe ihres Lebens mehr als 1.000 Werke, darunter Gemälde und dekorative Zeichnungen. Viele davon wurden im Ausland ausgestellt. Marija Prymatschenkos Name wurde in die Enzyklopädie der Weltkunst aufgenommen, und eine Reihe von Straßen in ukrainischen Städten sind nach ihr benannt, ebenso wie ein Asteroid, der in den 1990er Jahren entdeckt wurde. Ikonische Künstler wie Pablo Picasso und Marc Chagall bewunderten die Werke der ukrainischen Malerin.

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Die Sammlung von Marija Prymatschenkos Werken, die in Iwankiw aufbewahrt wurde, umfasst einunddreißig Gemälde und zwei bemalte Teller. Jüngsten Berichten zufolge konnte ein Teil der Gemälde gerettet werden.

Iwankiw, das Museum und der Krieg

Am zweiten Tag der Invasion begannen die russischen Truppen mit dem Beschuss des Dorfes Iwankiw, das 85 Kilometer von Kyjiw entfernt liegt. Seitdem haben die Einwohner von Iwankiw 35 Tage unter Besatzung verbracht.

Natalija Charytonowa, Leiterin des Zentrums für Kinder- und Jugendkreativität, hat all diese Ereignisse zusammen mit den anderen Einwohnern miterlebt. Als den Menschen klar wurde, dass die Besatzer in ihr Land gekommen waren und dass es sinnlos war, etwas Gutes von ihnen zu erwarten, beschlossen sie, die Gemälde von Marija Prymatschenko zusammenzulagern und an einem separaten Ort im Museum zu verstecken, erzählt die Frau. Leider bewahrheitete sich die Vorahnung der Einheimischen. Am 25. Februar, als sie Schutz vor dem Beschuss suchten, schlug eines der Geschosse auf dem Dach des Museums ein. Durch einen starken Wind brach das Feuer sofort aus, aber ein Anruf bei der Notrufzentrale war nutzlos, weil niemand kommen konnte.

„Um nicht abzuwarten, was als Nächstes passieren würde, weil wir wussten, dass es dort Gemälde gab, rannten wir hierher (zum Museum — Red.). Wir rissen die Gitter an diesen beiden Fenstern heraus, und dann brachen Männer diese beiden Fenster auf und begannen, die Exponate herauszunehmen, die wir retten konnten. Wir wussten einfach, wo die Gemälde versteckt waren, und deshalb holten wir sie sofort heraus. Und die ersten, die gerettet wurden, waren natürlich die Gemälde von Marija Prymatschenko.“

Die Frau betont, dass neben der Gemäldesammlung von Marija Prymatschenko auch andere wertvolle Kunstwerke in dem zerstörten Gebäude aufbewahrt wurden.

„Es gab bestickte Tücher von Hanna Weres, es gab Gemälde von Anna Ihnatjuk… Leider hatten wir keine Zeit mehr, sie zu retten. Es gibt dort einen Traktor, einen der ersten Traktoren. Er ist noch da, aber er ist stark verbrannt. Nun, ich hoffe, er kann restauriert werden, denn er ist einzigartig. Es gab viele Ausstellungsstücke, die der Tschornobyl-Katastrophe gewidmet waren. Es gab Aufzeichnungen über die Liquidatoren von Tschornobyl.“

Unter all den Menschen, die sich in der Nähe des brennenden Museums versammelt hatten, beschlossen zwei Männer aus der Gegend, die Exponate zu retten. Es handelt sich um Ihor Nikolajenko und Anatolij Charytonow. Sie erinnern sich, dass ihnen nur wenig Zeit zum Nachdenken blieb, da das Feuer das Gebäude schnell verschlang.

Zuerst rissen sie die Fenstergitterheraus, erzählt Ihor. Sie retteten Exponate aus dem Teil des Museums, den die Flammen noch nicht erreicht hatten, weil es gefährlich war, die von dem Beschuss betroffene Seite des Gebäudes zu betreten. Nach Angaben der Männer dauerte es fast zwanzig Minuten, bis sich die beschädigte Decke zu biegen begann. Sie versuchten, alles zu retten, was sie konnten, fügt Ihor hinzu:

„Die Werke und Wertgegenstände, die sich dort befanden, sind die einzigen Dinge, die aus der Geschichte des Iwankiv-Bezirks übrig geblieben sind. Zu den Exponaten gehören die weltberühmten Werke von Marija Prymatschenko und Anna Ihnatjuk. Das waren also die wertvollsten Dinge, die wir hatten. Macht nichts, wir bauen alles wieder auf und werden etwas für das Museum finden. Alles wird gut werden.“

Die Zukunft des Museums

Anastassija, die Urenkelin von Marija Prymatschenko, setzt sich für die Bewahrung ihres Erbes ein und ist gleichzeitig Gründerin und Leiterin der Stiftung „Das künstlerische Erbe der Familie Marija Prymatschenko“. Während ihres Aufenthalts in Lwiw erfuhr sie von den feindlichen Angriffen in der Nähe von Iwankiw. Die Frau plante, in das Dorf zu gelangen, um die Wertsachen ihrer Familie zu retten, aber es war zu spät — Iwankiw war bereits blockiert und so war sie gezwungen, zurückzukehren. Die Frau sagt, sie habe sich irgendwann mit der Tatsache abgefunden, dass das unschätzbare Kunsterbefür immer verloren war. Erst später erfuhr sie telefonisch, dass einige der Gemälde ihrer genialen Urgroßmutter gerettet worden waren:

„Ich habe mir vor allem Sorgen um die Menschen gemacht. Es ist wahr, denn ich habe die Fotos dieser Gemälde (die im Museum ausgestellt sind — Red.) auf meinem Computer gefunden, was auch immer sie sein mögen. Ich bin so stolz auf die Menschen, die in Iwankiw leben.“

Anastassija teilt die Begeisterung der Einwohner von Iwankiw und sagt, dass das Museum, das von den Russen völlig zerstört wurde, wieder aufgebaut werden soll. Sie hat bereits damit begonnen, eine internationale Zusammenarbeit aufzubauen, indem sie die Erlaubnis erteilt hat, die für immer verloren geglaubten Werke Prymatschenkos zu reproduzieren und zu verbreiten. Der Erlös wird für den Wiederaufbau des Museums verwendet werden. Die Werke der berühmten Künstlerin werden auch auf der diesjährigen Biennale von Venedig ausgestellt.

Anastassija sagt, dass sie viele Ideen hat, die darauf abzielen, sowohl eine neue Welle des Interesses als auch Möglichkeiten zur Erhaltung der Werke der Malerin zu schaffen, die nicht nur Gemälde, sondern auch Lieder, Stickereien, dekorative Malereien auf Geschirr usw. umfassen. Sie ist der Meinung, dass solche Geschichten, so traurig sie auch sein mögen, dazu dienen, uns nicht nur an den Wert der Kunst, sondern auch an das menschliche Leben zu erinnern.

Beitragende

Idee:

Bogdan Logwynenko

Text:

Anja Jablutschna

Chefredakteurin:

Natalija Ponedilok

Redaktion:

Anastasija Hulko

Produktion,

Interview,

Foto:

Karyna Piljugina

Foto:

Kostjantyn Husenko

Roman Klymtschuk

Video:

Oleg Solohub

Roman Klymtschuk

Jaroslaw Iljtschyschyn

Schnitt:

Lisa Lytwynenko

Regie:

Mykola Nossok

Ton:

Anastasija Klymowa

Bildredaktion:

Jurij Stefanjak

Transkript:

Chrystyna Archytka

Anna Jemeljanowa

Contentmanagement:

Kateryna Jusefyk

Übersetzung:

Wiktorija Mychajlowa

Redaktion der Übersetzung:

Halyna Wichmann