Wie Russland bei seinen Kindern Hirnwäsche betreibt

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Russland schult seine Lehrkräfte seit Jahren um, bevor sie mit der Kindererziehung anfangen. Für die Aufklärung historischer Wahrheit, pazifistische Ansichten oder sogar Inschriften auf Kleidung drohen Geld- oder Gefängnisstrafen. Die russische Regierung setzt zugleich alle verfügbaren Mittel ein, um den Bildungsprozess in der Ukraine zu russifizieren: Sie eröffnet Schulen in den vorübergehend besetzten Gebieten wieder, sogar in solchen hart umkämpften Orten wie Mariupol, und hat vor, Lehrkräfte aus den Gebieten Charkiw, Cherson und Saporischschja in die sogenannten Sommercamps für die „Umschulung“ auf die okkupierte Halbinsel Krym zu schicken.

Bildung ist neben Religion und Medien eines der mächtigsten Instrumente der russischen Propaganda, welches auf eine „angemessene“ Erziehung der russischen Bürgerinnen und Bürger abzielt. Seit frühester Kindheit wird den Kindern beigebracht, den Kult des Präsidenten-Tyrannen blind zu unterstützen und an Vormachtstellung des eigenen Landes gegenüber anderen Ländern zweifellos zu glauben. Kindergärten, Schulen, Universitäten sowie informelle Jugendverbände – all diese Institutionen ergänzen das Mosaik des riesengroßen Propagandasystems der Russischen Föderation.

Die Liebe zum allergrößten Vaterland und Putin sowie die Dankbarkeit den Großvätern für den Sieg im Zweiten Weltkrieg sind die drei Grundlagen, auf denen Russland seine Bildung aufgebaut hat. Der Bildungsprozess ist in solchem Maße „patriotisch“ geprägt, dass Kinder seit dem Kindergarten ihren Präsidenten fast jeden Tag ansehen. Seine Porträts schmücken nicht nur die Wände, sondern hängen zwischen den Regalen mit Spielzeugen, wodurch sie eher an Altäre des Führers erinnern. In den Schullehrplan werden Unterrichte „wahrer“ zeitgenössischer Geschichte schnell integriert und an den Universitäten werden Fachgebiete geschlossen, wo kritisches Denken gelehrt wird und Wissen vermittelt wird, wie Studierende als vierte Gewalt ihren Journalistenberuf ausüben können. Wenn die Kinder es wagen sollten, gegen diese Praktiken zu rebellieren, dann sind sie zur Erziehungsarbeit bei der Schulleitung sowie bei der Polizeidienststelle verpflichtet.

Kindergarten

Die Unterrichte zum Thema „Großer Vaterländischer Krieg“, das Lernen von Liedern und Tänzen über den heroischen Krieg und jetzt noch die improvisierten Fotosessions mit den in Form des Buchstabens „Z“ aufgestellten Kindern — damit ist das Bildungsprogramm russischer Vorschulkinder vollgestopft. Auf den Webseiten einiger russischer Kindergärten werden Loblieder und Gedichte über die russische Armee veröffentlicht und in den sozialen Netzwerken sind Berichte über die Feierlichkeiten am Tag des Verteidigers des Vaterlandes (der Tag der Sowjetarmee, den Russland geerbt hat, wurde am 23. Februar gefeiert. — Üb.) und sogar Wissenstests über die russische Armee zu sehen.

Großer Vaterländischer Krieg
Ein Begriff aus sowjetischer Historiographie zur Bezeichnung der deutsch-sowjetischen Front von 1941 bis 1945 während des Zweiten Weltkriegs.

Schon lange bevor sie in den Kindergarten gehen, finden sich kleine Russen in einem imperialistischen Kontext. Beispielsweise sind spezielle patriotische Windeln im Stil des russischen Militärs für Babys auf dem russischen Markt zu finden. Das Kämpfen und das Sterben für das Vaterland ist eines der weitverbreitetsten Propagandanarrative. Selbstverständlich gibt es eine patriotische Erziehung der Jugendliche in allen Ländern, in Russland zeigt sie sich aber ganz radikal, wobei kritisches Denken der unverzüglichen Ausführung von Befehlen nachgibt. Patriotismus in Russland wird nicht aus Liebe zum eigenen Land erzogen, sondern durch die Lobpreisung der Heldentaten aus Vergangenheit („Die Großväter haben gekämpft“) sowie moderner russischer Armee in den Kriegen, die es selbst angefangen hat. Militärische Attribute wie z. B. Kleidung, Spielzeuge oder Unterrichtsmaterialien werden in Russland den Vorschulkindern jeden Alters angeboten.

Am zehnten Tag des großangelegten Krieges veröffentlichte die russische Propaganda den Trickfilm „Ein Märchen von Wanja und Mykola“. Den Autorinnen und Autoren zufolge erkläre dieser Film „komplexe Dinge in einfacher Sprache“, vermittelt aber tatsächlich eine verzerrte Vorstellung von Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland, wonach die Aggression der Russischen Föderation gerechtfertigt wird.

Schule

Russland hat seit Jahren die auf eigene Art und Weise beschönigte Weltgeschichte in den Schulen gelehrt. Dadurch dass die Regierung im Kreml tatsächlich den Methoden der NS-Propaganda folgt, erzieht sie somit die „ideologisch korrekte“ Jugend, die den Entwicklungskurs ihres Landes fortsetzen soll. Mit dem Ausbruch des großangelegten Krieges in der Ukraine wurde Propaganda in den Bildungseinrichtungen deutlich verstärkt. Als die Vertreter der russischen Regierung offensichtlich verstanden, dass ihr geplanter Blitzkrieg gescheitert war, beschlossen sie, ihr Selbstvertrauen zu stärken, indem sie nützliche Narrative unter den Schülerinnen und Schülern jeden Alters verbreiten.

Beispielsweise wird den Kindern erklärt, was die „spezielle Befreiungsoperation“ in der Ukraine bedeutet. Das Bildungsministerium Russlands stellt im Rahmen des föderalen Projekts „Patriotische Erziehung der russischen Bürgerinnen und Bürger“ viele Demonstrationsunterrichte zusammen. Einer der Unterrichte ist die allrussische Unterrichtsstunde „Verteidiger der Welt“, die den Angaben des Ministeriums zufolge sich mehr als fünf Millionen Schülerinnen und Schüler angesehen haben. Die Kernaussagen dieses Unterrichts wiederholen die Propagandaideen der russischen Medien, wie z. B. „die gemeinsame Geschichte“, „die Entstehung der Ukraine im 20. Jahrhundert“, „Russland ist der ältere Bruder“ und „Ukrainer sind Verräter und Chauvinisten“.

Die Lehrkräfte haben spezielle Anweisungen für die Erziehungsarbeit mit Kindern bekommen. In den sozialen Netzwerken wird eine Menge von Fotos aus solchen „Aufklärungsveranstaltungen“ veröffentlicht. Auf einigen Veranstaltungen werden Kinder sogar in Form des Buchstabens „Z“ aufgestellt, welcher zum Symbol der russischen Invasion in die Ukraine geworden ist.

Eine weitere freiwillig erzwungene Aktion — „Den Verteidigern des Vaterlandes“ — ist das Schreiben von Briefen an das russische Militär.

Es gibt Schulen, die sich der nostalgischen Propagandaaktion „Pionierzeitalter: 100 Jahre in 100 Tagen“ angeschlossen haben. Bereits Anfang Februar 2022 wurden in Russland die Veranstaltungen mit den Titeln „Zurück in die UdSSR“, „Die Geschichte der Pionierbewegung“ usw. durchgeführt. Die Schulleitungen üben gemeinsam mit der Polizei Druck auf die Familien der Schülerinnen und Schüler aus, die „unangenehme“ Fragen hinsichtlich des Krieges der Russischen Föderation gegen die Ukraine stellen.

Die außerschulischen Geschichtsunterrichte, bei denen die sogenannte „Spezialoperation“ in der Ukraine erklärt wird, gehören zu einer weiteren geplanten Neuerung. Wenn diese Idee realisiert wird, erhalten russische Schülerinnen und Schüler schon seit dem ersten Schuljahr ein weiteres Stück der Information, welches unter dem Vorwand der „Bewahrung des historischen Gedächtnisses“ und der „historischen Aufklärung“ vorgeführt wird. Man verspricht, dass die Schulbücher auch mit den neuesten Daten über die „Spezialoperation zur Rettung der Ukraine“ unmittelbar vervollständigt werden.

Seit 2016 ist übrigens die „Junarmija“, eine allrussische militärisch-patriotische Bewegung für Kinder und Jugendliche, tätig. Nach Angaben der Russischen Föderation hat sich mehr als eine Million Kindern und Jugendlichen im Alter von 8 bis zu 18 Jahren dieser Bewegung angeschlossen. Bereits Ende März wurden die ersten volljährigen „Junarmija“-Mitglieder mobilisiert, um im Krieg in der Ukraine, insbesondere in der Region Sloboschanschtschyna, zu kämpfen.

Das propagandistische Bildungssystem der Russischen Föderation versagt jedoch von Zeit zu Zeit. Es handelt sich um den „Patriotismus“ der Schülerinnen und Schüler, welcher den gesunden Menschenverstand ablehnt. Ein markantes Beispiel ist die Geschichte einer Englischlehrerin aus Pensa, die dem FSB (dem Föderalen Dienst für Sicherheit der Russischen Föderation – Üb.) von ihren Schülerinnen und Schülern verraten wurde, weil sie eine objektive Stellungnahme zu dem Krieg in der Ukraine geäußert hat. Gemäß dem neulich eingeführten Gesetz über Fake-News droht ihr nun eine Geldstrafe sowie bis zu 10 Jahren Haft.

Universität

Politische Agitation ist durch das russische Bildungsgesetz offiziell verboten, dies lässt aber die Propaganda an den russischen Universitäten nicht ausrotten. An verschiedenen Universitäten werden außeruniversitäre Vorlesungen zu den Themen „Volksfeinde“, „Russland als Modell für Demokratie“, „Die Besonderheiten westlicher Länder“ usw. regelmäßig gehalten. Die Kernnarrative dieser Vorlesungen sind typisch für Russland. Das sind die Großartigkeit, Macht und Einzigartigkeit des Landes, das von Putin angeführt wird, der selbst die Weltordnung schafft und bewahrt. Dabei wird die Idee des modernen Russlands als Supermacht mit einbezogen, die durch die Transformation des russischen Reichs in die Sowjetunion entstanden ist.

Wie in den Schulen hat sich der propagandistische Einfluss im Zusammenhang mit dem Ausbruch des großangelegten Krieges in der Ukraine auch an den Universitäten verstärkt.

Der russische Rektorenverband kündigte eine Erklärung zur Unterstützung von Putins Vorgehen in Bezug auf Russlands Invasion in die Ukraine an. Die führenden Universitäten Russlands veröffentlichten die Worte der Rektoren auf ihren Webseiten, laut denen sie dazu aufrufen, „schwierige Zeiten“ zu überstehen und von nicht autorisierten Kundgebungen Abstand zu nehmen. Zum Beispiel berät die Wirtschaftshochschule Moskau Studierende, wie sie ihren Bildungsprozess angesichts der „aktuellen internationalen Umstände“ organisieren sollen. Die Professoren und Studierende unterstützen somit das regierungsfreundliche System und den Krieg in der Ukraine. Sie veranstalten Aktionen, bei denen sie sich in Form des Buchstabens „Z“ aufstellen, drehen Videoansprachen an den Präsidenten Selenskyj, in denen sie das Ende des Krieges anfordern, welcher ihrer Meinung nach die Ukraine selbst vor acht Jahren angefangen hat.

Das Studententhema wird von russischen Propagandamedien aufgegriffen. Zum Beispiel veröffentlichte LIFE ein Video mit dunkelhäutigen Studierenden in Sumy. Laut diesem Bericht verbietet die ukrainische Armee angeblich, diese Studierende zu evakuieren, und der Bürgermeister droht sogar mit Erschießen, wenn sie versuchen, durch die sogenannten „grüne Korridore“ zu fliehen. Die Aufstachelung zum Hass aus nationalen und rassischen Gründen gilt als eine klassische Taktik der russischen Propaganda, die darauf abzielt, demokratische Werten der europäischen Länder zu beschmutzen. Noch in den ersten Tagen der großangelegten Invasion Russlands widerlegten die Ausländerinnen und Ausländer jeden Alters und Status den Mythos über Rassismus in der Ukraine.

In der Zeit, wenn die Universitäten aus der ganzen Welt jegliche Zusammenarbeit mit russischen Wissenschaftsinstitutionen und insbesondere mit russischen Studierenden beenden, versucht Russland, den Status „alles läuft nach Plan“ aufrechtzuerhalten. Einige ihrer Entscheidungen im Bildungsbereich werden als eine noble Geste gegenüber den Ukrainerinnen und Ukrainern, die den Krieg erlitten haben, dargestellt. Beispielsweise kündigte das russische Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung an, dass alle Studierende, die aus den selbst ernannten Republiken Donezk und Luhansk evakuiert wurden, an russischen Universitäten immatrikuliert werden. Offenbar steht hinter diesem Akt des guten Willens der Wunsch, ukrainische Jugend buchstäblich und mental unter russische Kontrolle zu bringen.

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All das deutet darauf hin, dass die „Machtstützpunkte“ der Russischen Föderation nicht nur die Armee und der Machtapparat, die Kirche und der durch Propaganda gelähmte Medienraum sind, sondern auch die Bildung. Dieses ganze Konstrukt beruht auf eigene Gesetze und Regeln, steht jedoch völlig im Widerspruch zum demokratischen Entwicklungsgang der Gesellschaft und des Staates.

Beitragende

Idee:

Bogdan Logwynenko

Text:

Anja Jablutschna

Chefredakteurin:

Natalija Ponedilok

Redaktion:

Kateryna Lehka

Bildredaktion:

Jurij Stefanjak

Übersetzung:

Oleksandr Lupaschko

Redaktion der Übersetzung:

Halyna Wichmann

Contentmanagement:

Anastasija Schochowa