Das Museum aus Flaschen von Serafym Lesko

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In Welyka Jaromyrka, in Podillja, auf einem der Höfe gibt es ein ungewöhnliches Gebäude. Sein Fundament wurde aus Glasflaschen gelegt, die Wände — aus Plastikflaschen, auf dem Dach türmt sich eine Windmühle, und drinnen wurde ein Museum eingerichtet. All‘ das hat einer der DorfbewohnerInnen handwerklich errichtet — Serafym Lesko, der während seines ganzen Lebens eifrig die Antiquitäten sammelt. Über lange Jahre hat Serafym auch die Geschichten von Menschen gesammelt, die er in einer großen Ahnenenzyklopädie zusammengestellt hat.

Serafym hatte mit dem Museumsbau im Jahr 1997 angefangen, als er in den Ruhestand ging. Er sagt, er konnte sich damals nicht so richtig zu Ruhe setzen. Er erinnert sich, wie die Idee entstand:

„Ich ging hin und her, überlegte, woraus es zu bauen sei, damit das Geld nicht verschwendet wird. Und was war das für Geld damals? 85 Rubel — so war das Gehalt in der Kolchose. Schließlich begann ich Flaschen zu sammeln: Ich schaute bei den Müllcontainern, aber auch die Menschen halfen — ohne sie hätte ich es nicht geschafft. Es gab auch Skeptiker, sie fragten, wieviel Prozent ich schon eingerichtet hatte. Und der Plan war es ja, das zu machen. Im Jahr 2000 eröffnete ich schon das Museum.“

Serafym führt die Exkursionen überwiegend für Kinder, die hierher aus dem ganzen Bezirk kommen. Es kommen auch ausländische BesucherInnen.

In der Museumskollektion gibt es altertümliche Haushaltsgegenstände, Irdengut, Werkzeuge und landwirtschaftliches Zubehör, militärische Ausrüstung, Auszeichnungen, Fotos und Bücher. Manche Ausstellungsstücke sind vor dem Eingang ausgestellt, deshalb beginnt Serafym schon draußen zu erzählen.

Die Gegenstände mit Geschichte

An der Prysba (einem Mauervorsprung, der als Bank rings um das Haus lief — Üb.) lehnen sich ein paar ähnliche runde Steinblöcke mit einem Loch in der Mitte, die entweder eine Sonnenuhr oder ein Mahlstein (ein Gerät für das Mahlen von Körnern — Aut.), oder eine Töpferscheibe (ein Gerät für das handwerkliche Formen der Töpfer — Aut.), oder ein Schleifstein (ein Werkzeug zum Schleifen von Messern, Äxten, Sensen uns. — Aut.), oder sogar ein Teil eines Grenzsteins sind, der Polen und UdSSR bis 1939 trennte.

Serafym zeigt die Schirrung, das Pferdegeschirr und Geschirr für Stier und erinnert sich an Tschumaks (ukrainische Fuhrmänner — Üb.):

„In unserem Dorf Jaromyrka gab so ein Sprichwort: ‚Der Herr lässt am Jura (Tag des Heiligen Georg — Üb.) frei, wenn das Hähnchen sich im Roggen versteckt‘. Das bedeutet, dass der Roggen schon hochgewachsen ist, die Arbeiten sind beendet und man kann zum Salz holen fahren.“

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Auf der Wand hängt das Horn eines Auerochsen — die Vertreter dieser Gattung starben schon vor 400 Jahren aus, aber früher gab es welche in den Karpaten.

Der Sammler ist besonders stolz auf ein „napoleonisches“ Ausstellungsstück, ein zerbrochenes Glöckchen, das man am Pferd oder an einer Britschka hing. Darauf ist die Inschrift erhalten: „Paris, Napoleon, 1812“.

Die Museumsausstellung umfasst die Sammlung der Medaillen und Orden. Der Mann erzählt, dass die DorfbewohnerInnen sie hierher bringen, wenn sie fühlen, dass sie bald sterben werden. Hier wurde auch eine „Ehrenauszeichnung“ ausgestellt, die Serafym selbst gehört. Für seine Museumsarbeit wurde er mehrmals ausgezeichnet — auf der Wand daneben hängt eine Urkunde, die ihm an Feierlichkeiten des Jahrestages des Bezirks verliehen wurde.

Sein Ziel sieht Serafym in der Verbreitung des historischen Wissens. Er bemerkt:

„Wenn der Mensch die Geschichte kennt, dann schaut er anders auf die Welt.“

Die Sammlung wurde mit der Hilfe der ganzen Gemeinde zusammengestellt, ihr Sammler glaubt, dass die gemeinnützige Arbeit sich auszahlt. Serafym ist bescheiden und misstrauisch, dass die Ergebnisse seiner Arbeit für jemanden von außerhalb von Interesse sein können, deshalb sagt er ständig:

„Ich halte Sie zurück — es gibt da nichts zu sehen.“

Das Buch mit Biografien der BewohnerInnen von Jaromyrka

Serafym studiert seinen Stammbaum mit Begeisterung. Ihm ist es gelungen, seine Wurzel bis 1829 zu finden. Aber nicht nur Lesko hatte den Wunsch gezeigt, die Verbindung zwischen Generationen zu erhalten. Serafym erinnert sich: Einmal fand er ein Bild von seinem Opa, auf dem er aufschrieb: „1932. Heute regnete es stark“.

Der Urgroßvater von Serafym war ein reicher Mann, über ihn konnte man eine Information in polnischen Archiven finden.

„Ein Pole von hier, der in Polen lebt, brachte sie mir. Da gibt es alles über Jaromyrka, verstehen Sie, und wir haben nichts.“

Der Forscher beschloss, die Situation selbst zu verändern: 1991 kam die Idee, ein Erinnerungsbuch über die BewohnerInnen von Jaromyrka zu schreiben. Heute ist das ein solider Buchband mit 1.790 Seiten, der ein Jahrhundert der Schicksale von Menschen beinhaltet. Das Buch „Die Geschichte in den Biographien der DorfbewohnerInnen von Welyka Jaromyrka“ beginnt mit der Aufzählung der Nachnamen.

„Das sind diejenigen, die am Buch arbeiten, die mir geholfen haben. Ich notiere nur und die Menschen bringen was. Zum Beispiel hat uns unser Vorsitzender des Dorfrates dreißig Umschläge geschenkt. Ich kommuniziere mit den Menschen, um dieses Buch zu schreiben.“

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Serafym ist besorgt, dass sich nur ca. 40% der Menschen für ihre Vorfahren interessieren, und es gibt sogar solche, die ihr väterlichen Namen nicht kennen. Was die Prinzipien seiner Arbeit betrifft, betont der Autor, dass er bevorzugt, über die lebenden Menschen zu schreiben, so sei die Informationen zuverlässiger. Dazu erwähnt er obligatorisch die Interviewten, wie zum Beispiel, „Aus den Erinnerungen von Domina Hanna Tymofijiwna am 20. April 1993 aufgeschrieben“. Die Biographien sind für die nächsten Generationen einer Generation gedacht, deshalb sind sie „nicht für die fremden Augen“.

Die Notiz über Serafym

Unter vielen Geschichten im Buch gibt es eine Biographie von Serafym, in dem beschrieben ist, wo, wie und wann er geboren wurde, wer seine Eltern und deren Verwandte waren. Es gibt Informationen über seine Heirat, über seinen Dienst als Soldat der Panzertruppe, über zwölf Jahre Arbeitserfahrung als Fahrer und zwölf Jahre Erfahrung als Prüfer. Und die Biographie endet mit diesen Zeilen:

„Wir haben fünf Enkelkinder, die in den Ferien zu uns kommen und uns rund um den Haushalt helfen. In meinem gemeinsamen Leben mit Halyna Opanasiwna haben wir uns ein neues Haus und den ganzen Haushalt aufgebaut. Wir haben ein PKW ‚WAS-2106‘ und ein Motorrad ‚MT 10‘ gekauft. Wir haben unsere Kinder erzogen und ihnen einen Start ins Leben ermöglicht. Jetzt sind wir beide im Ruhestand und kümmern uns um unseren Haushalt. Lesko Seraphym Oleksijowytsch hat sich an seinen Lebensweg erinnert und beschrieben.“

Serafym überlegt über die Zukunft des Museums und betont:

„Manche fragen: ‚Und was passiert weiter?‘ Und ich sage: ‚Ich habe einen Sohn‘.“

So hat ein gewöhnliches Dorf in Podillja das Glück, den alten Mann mit einem Strohhut und Wyschywanka (einem traditionellen ukrainischen Hemd mit Stickmustern — Üb.) zu haben, dass dieser das Gedächtnis über die Generationen bewahrt, die Bilder und Geschichten sammelt — und so verbindet er die Vergangenheit mit der Zukunft. Dank seiner mehrjährigen Arbeit können die Kinder nicht nur durch ein Lehrbuch erfahren, dass über diese Länder Napoleon ging, dass die Fuhrmänner am Tag der Heiligen Georg zum Salz holen fuhren und dass früher so ein Tier wie der Auerochse existierte.

Wie wir gefilmt haben

In diesem Videoblog gelangen wir nach Kamjanez-Podilskyj, sehen, wie die Heißluftballons über der Festung fliegen, lernen einen Auswanderer aus der Krim Mykola Schlapaj kennen, schauen das Leben der Festung von Kamjanez-Podilskyj an, besuchen ein Motoball-Training, das Dorf Otrokiw, das Herrenhaus von Ścibor Marchocki, und zum Schluss das Dorf Welyka Jaromyrka, wo ein fantastischer Mann Serafym Lesko ein eigenes Museum gegründet hat.

Beitragende

Idee:

Bogdan Logwynenko

Text:

Maryna Sarazschyn

Redaktion:

Kateryna Lehka

Produktion:

Olha Schor

Natalka Pantschenko

Foto:

Polina Sabischko

Video:

Andrij Rohosin

Video,

Ton:

Pawlo Paschko

Schnitt:

Julija Balka

Regie:

Mykola Nossok

Skript:

Karyna Piljugina

Bildredaktion:

Olexandr Chomenko

Transkript:

Anna Lukasewytsch

Contentmanagement:

Kateryna Jusefyk

Übersetzung,

Redaktion der Übersetzung:

Halyna Wichmann

Redaktion der Übersetzung:

Klaus Wichmann

Koordination der Übersetzung:

Jana Stowbur